Kinder und ihre Zukunft : Verantwortungsvolle Politik im Zeichen der Zärtlichkeit

Kinder haben nicht dieselbe Fähigkeit wie Erwachsene, sich zu schützen oder für sich selbst zu sorgen. Erwachsene und Regierungen müssen daher eine politische Agenda zu ihrem Besten verfolgen. Ein Kommentar.

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Soziale Ungleichheit bedeutet auch eine Ungleichheit der Chancen auf eine bessere Zukunft.
Soziale Ungleichheit bedeutet auch eine Ungleichheit der Chancen auf eine bessere Zukunft.Foto: dpa

Den Papst von Zeit für Zärtlichkeit reden zu hören, und sei es zu Weihnachten, der Zeit für die emotional nachklingenden Worte, erinnert mit einem Mal daran, für wen Politik gemacht wird: füreinander. Für uns Menschen. Für die uns nachfolgenden Generationen. Wenn es gut geht und wenn es gut gemacht wird.

Verantwortungsvolle, rationale Politik im Zeichen der Zärtlichkeit – wollen wir da vielleicht einen Moment an die Kinder und ihre Zukunft denken? Immerhin hat dieser Tage einer der wissenschaftlichen Päpste der Gegenwart, der amerikanische Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, aus einem Theorem eine Weltanschauung gemacht. Und zwar, indem er daran erinnerte, dass Kinder nicht dieselbe Fähigkeit wie Erwachsene haben, sich zu schützen oder für sich selbst zu sorgen.

Was bedeutet, dass wir Erwachsene und unsere Treuhänder in gleich welcher Regierung eine politische Agenda zu ihrem Besten verfolgen müssen. So darf die Gesellschaft nicht zerfallen in Teile, von denen dann einige immer weiter zurückfallen. Weil sich der Reichtum auf wenige konzentriert, was wiederum Ungleichheit der Chancen auf eine bessere Zukunft produziert. Ach herrje, das ist – in dieser Zeit – einen Stoßseufzer wert.

Zehn Prozent der Deutschen haben mehr als 60 Prozent des Vermögens

Urbi et Orbi, gewissermaßen: Drei Millionen Europäer haben ein Riesenvermögen, haben zusammen mehr als das Doppelte aller Staatsschulden der fünf europäischen Krisenländer. Drei Millionen von 500 Millionen EU-Europäern. Und zehn Prozent der Menschen in Deutschland halten mehr als 60 Prozent des gesamten Vermögens, das sind 400 Milliarden Euro. Zwei Drittel der Bevölkerung aber haben gar kein Vermögen. Millionen leben in Armut. 200 Milliarden Euro werden jedes Jahr vererbt. Manche sprechen von anstrengungslosem Wohlstand oder von feudalen Umständen. Wenn man provozieren will. Wie mancher Papst. Es waren Päpste, die für die Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivkapital eintraten. Und es sind Sozialethiker, die für Vermögen- und Erbschaftsteuer auf OECD-Niveau werben, um Milliarden zu gewinnen für gute Werke.

Die reichsten zehn Prozent in unserem Land versteuern nur ein Fünftel ihres Einkommens. Der Spitzensteuersatz lag unter Helmut Kohl, dem christdemokratischen Rekordkanzler und politischen Ahn der Bundeskanzlerin, weit über 50 Prozent. Auch wenn dahin keiner in Angela Merkels großer Koalition zurück will – wer nach vorne schaut, der muss doch versuchen, Milliarden neu zu gewinnen. Denn der Investitionsbedarf nur schon bei Bildung, dem besten Zugang zu einer besseren Zukunft, beträgt Experten zufolge 40 Milliarden Euro.

Stiglitz nun wirbt für eine andere Form der Besteuerung und eine bessere Regulierung, vor allem des Finanzsektors, und meint damit nicht nur die USA und deren Regierende. Er fordert im „Handelsblatt“ uns alle auf, nicht träge und untätig zu sein angesichts der Ungleichheit und ihrer verheerenden Folgen für die Kinder, sondern „Entbehrungen zu lindern“. Worte, die in diesem Zusammenhang ein wenig verstörend nachklingen. Die eine Emotion hervorrufen. Und die, mit den Worten des Papstes zusammen gelesen, daran erinnern, dass die Verwirtschaftung der Gesellschaft nicht die schönsten Dinge des Menschseins ersetzen kann, nicht Liebe, Freundschaft und nicht die Zeit für Zärtlichkeit. Warum soll das keine Politik begründen dürfen?

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