Politik : Kinderärzte fordern besseren Jugendschutz - Vor allem Fernsehkonsum sei Quelle der Gewalt

Angesichts der zunehmenden Gewalt gegen Kinder, aber auch unter Kindern schlagen Ärzte Alarm. "80 Prozent aller misshandelten Kinder werden später ihre eigenen Kinder wieder misshandeln", erklärte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder und Jugendärzte, Klaus Gritz, am Mittwoch in Berlin. Diese Kette der Gewalt müsse durchbrochen werden. Der Verband fordert eine Verschärfung des Jugendschutzgesetzes. "Das Thema Gewalt darf nicht länger tabuisiert werden, wenn wir die dringend notwendige Trendwende schaffen wollen", sagte Gritz. Nach Schätzungen des Verbandes werden fünf bis zehn Prozent der Kinder misshandelt oder missbraucht. In zehn Prozent der wiederholten Misshandlungen sterben Kinder. Mehr als 20 Prozent der misshandelten Kinder behielten bleibende Schäden.

Oftmals sei die seelische Grausamkeit an Kindern schwerwiegender als der Einsatz von körperlicher Gewalt, betonte Gritz. Vielfach würden Eltern das eigene Kind mit ihren Erwartungen qualvoll überfordern. Nach einer gescheiterten Partnerschaft werde das Kind oft als Waffe in den Auseinandersetzungen benutzt. Die Ursachen für seelische und körperliche Gewalt ließen sich jedoch nicht nur im sozialen Gefüge suchen. "Gewalt geschieht auch in etablierten Schichten", sagte Gritz.

Auflösung der Familienstrukturen

Neben dem Auflösen traditioneller Familienstrukturen und der Zunahme von Beziehungslosigkeit begünstigten besonders Gewalt im Fernsehen und in Computerspielen die Aggressionen von Kindern. Viele Heranwachsende seien nicht mehr in der Lage, zwischen "realer" Welt und TV-Welt zu unterscheiden. Jugendschutz sei "wichtiger" als die "Quote" und der "Gewinn" kommerzieller Medien.

Selbsterfahrene Gewalt entlade sich wieder in Aggression, sagte der Polizeipräsident von Stuttgart, Martin Schairer. "Die Täter werden immer jünger, die Opfer auch." Seit Jahren steige die Kinder- und Jugendkriminalität in Deutschland an. Die Taten verteilten sich nicht auf eine ganze Generation, sondern auf wenige Intensivtäter. Fünf Prozent der Verdächtigen unter 21 Jahren verübten zwei Drittel aller Gewalttaten.

Schairer forderte statt härterer Strafen für jugendliche Gewalttäter eine konkrete Ursachenforschung. Eine Untersuchung in Baden-Württemberg habe ergeben, dass mangelnde Bildung, mangelnde Integration ausländischer Kinder und eine schlechte wirtschaftliche Situation der Familien Jugendkriminalität begünstigten, sagte Schairer. Deshalb begrüße die Polizei die Initiative der Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) zur Ächtung von Gewalt.

Die Ministerin will das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung im Gesetz verankern und zugleich die Hilfe für Eltern bei Erziehungsschwierigkeiten ausweiten. Wichtig sei ein Umdenken. "Gute Elternschaft wird nicht vererbt", sagte Gritz. Künftigen Eltern sei erzieherische Kompetenz zu vermitteln. Gewaltprävention könne bereits vor der Zeugung eines Kindes stattfinden.

"Amerikanische Verhältnisse"

Von der Gewalt durch Kinder seien Eltern, Fremde, Mitschüler oder auch Lehrer betroffen. Der Kinderarzt Gritz sagte mit Blick auf die jüngsten Gewalttaten in Deutschland: "Wir steuern auch hier amerikanischen Verhältnissen entgegen." In Oberbayern hatte erst vor einer Woche ein 16-Jähriger einen Internatsleiter niedergeschossen, der am Mittwoch starb. Gritz kritisierte, dass Eltern und Schulen die Vermittlung von Gewalt als "normalen Lebensinhalt" durch Fernsehen und Computerspiele nicht problematisierten. "Die Sprachlosigkeit von Schulen und Eltern führt bei Kindern zur Unfähigkeit, sich verbal auseinander zu setzen. Und wer nicht reden kann, schlägt zu", erklärte Gritz.

Schairer forderte ein Bündnis für Erziehung. Darin müssten alle Institutionen, die mit Kindern und deren Erziehung Berührung haben, Pflichten übernehmen, um der abnehmenden Erziehungsfähigkeit von Eltern entgegenzuwirken. Eine wichtige Rolle bei der Aufdeckung und Bekämpfung von Misshandlungen haben auch die Kinder- und Jugendärzte, sagte Gritz. Sie seien häufig die erste Anlaufstelle bei Gewalt. Zugleich verwies Gritz darauf, dass ein Arzt nicht verpflichtet sei, die Polizei einzuschalten. "Wir haben so etwas wie ein Beichtgeheimnis", sagte Gritz.

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