Kinderarbeit : Straßenkinder in Istanbul: Firat, die Straße und die Schule

In Istanbul arbeiten Kinder in Autowerkstätten, sie putzen Schuhe, suchen im Müll nach Verwertbaren oder verkaufen Getränke, Taschentücher oder Blumen - wenn sie nicht betteln. Istanbuler und Touristen könnten mithelfen die Kinderarbeit einzudämmen.

Thomas Seibert

IstanbulEs ist viel los auf der Istiklal Caddesi, der Haupteinkaufsstraße im Herzen der türkischen Metropole Istanbul. Die Sonne scheint, die Passanten drängen sich auf dem Pflaster, und Firats Geschäfte gehen gut. Der 13-jährige, dessen dunkler Teint und schwarzer Lockenkopf seine Herkunft aus Ostanatolien verraten, verkauft Wasser in Halbliter-Plastikflaschen, und er findet viele Abnehmer an diesem sonnigen Frühsommertag.

Viel sagen muss er nicht, um seine Ware loszuwerden. Mit der Rechten streckt Firat den Passanten eine Flasche entgegen, mit der Linken hält er drei oder vier weitere Flaschen an seinem mageren Körper fest. Eine halbe Lira, etwa 23 Eurocent, nimmt der Junge pro Flasche, mehr als das Doppelte des Einkaufspreises. Alles läuft wie immer, bis Yusuf Kulca auftaucht.

Kulca, 47, ist Vorsitzender des Vereins Hoffnung für Kinder und engagiert sich seit Jahren im Kampf gegen die Kinderarbeit in der Türkei. Als er auf Firat zugeht, glaubt der Junge, einen Kunden vor sich zu haben. Doch statt ein paar Lira bekommt er eine Standpauke.

320.000 Kinder müssen arbeiten

"Weißt du eigentlich, was passieren kann, wenn dich eine Zivilstreife sieht?" fragt Kulca den Jungen. Firat zuckt mit den Schultern. "Der Staat kann dich deinen Eltern wegnehmen." Firat blickt zur Seite. Wenn der 13-jährige von Kulcas Rede beeindruckt ist, dann lässt er es nicht erkennen. "Kaufst du jetzt was oder nicht?" fragt er Kulca. Aber der redet weiter. Ob Firat denn nicht wisse, dass er etwas Illegales tue. "Alle tun es doch", sagt der Junge. "Ach komm, lass gut sein, du kaufst eh nichts", setzt er hinzu und lässt Kulca stehen.

Auch an diesem Freitag, dem von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO ausgerufenen Aktionstag gegen Kinderarbeit, wird Firat wieder auf der Straße stehen, statt in der Schule zu sitzen, wie es das türkische Gesetz verlangt. Nach amtlichen Statistiken gibt es in der Türkei rund 320.000 Kinder zwischen sechs und 15 Jahren, die arbeiten müssen, statt zur Schule gehen zu dürfen. Viele dieser Kinder schuften auf den Feldern ihrer Eltern, doch auch die türkischen Großstädte kennen das Problem. Allein in Istanbul wird die Zahl der Kinderarbeiter auf 4000 geschätzt.

Kulca kennt ihr Schicksal aus eigener Erfahrung, denn er verbrachte selbst einige Jahre auf Istanbuler Straßen. In Kaschmir als Sohn westchinesischer Flüchtlinge geboren, kam er 1969 mit seinen Eltern in die Türkei. Die Familie zerbrach, und Kulca wuchs in diversen Kinderheimen auf, bis er als Volljähriger auf der Straße landete. "Ich hatte Glück, denn ich war vorher zur Schule gegangen, ich konnte auf mich aufpassen", erzählt er. Nach seinen Jahren auf der Straße fand er den Weg zurück in ein geregeltes Leben und studierte. Heute berät er die türkische Regierung in Sachen Kinderarbeit.

Eltern verlieren das Sorgerecht

Derzeit muss er zusehen, wie die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise die Bekäpfung der Kinderarbeit noch schwieriger machen, als sie ohnehin bereits ist. Wenn Fabriken schließen und Väter arbeitslos werden, dann wächst der Druck auf die Kinder, zum Familieneinkommen beizutragen. Unternehmer suchen sich Kinderarbeiter, um Kosten zu senken. "Sie bezahlen weniger für Kinderarbeiter, und wenn sie die Kinder loswerden wollen, brauchen sie keinerlei Abfindung zu zahlen", sagte der Gewerkschafter Erhan Bilgin der Zeitung "Today's Zaman".

In Istanbul gehen die Behörden seit Jahren systematisch gegen Eltern vor, die ihre Kinder zum Geldverdienen auf die Straße schicken. Es gibt Fortschritte, sagt Kulca. Doch das Problem liegt darin, dass sich für die Familien mit Kinderarbeit weit mehr Geld verdienen lässt, als der türkische Staat den Eltern an Sozialhilfe bieten kann.

Viele Eltern haben deshalb bereits das Sorgerecht über ihre Kinder verloren, sagt Kulca, der das Problem ohne jedes falsche Mitgefühl betrachtet: Bettelnde Kinder an Verkehrsampeln oder minderjährige Taschentücherverkäufer sollen vor allem das Mitleid von Passanten wecken, sagt er. "Ein Kind kann bis zu tausend Lira (etwa 460 Euro) pro Monat verdienen - und einige Eltern haben fünf oder sechs Kinder auf der Straße." Erst kürzlich konnte Kulca selbst erleben, dass manche Istanbuler Bettler keineswegs jede Lira zweimal umdrehen müssen: Nachts um zwei sammelte eine Mutter ihre zwei Töchter ein, die am Straßenrand gebettelt hatten - und fuhr mit ihnen im Taxi nach Hause.

Verlorene Kindheit

In Istanbul arbeiten Kinder auch in Autowerkstätten, sie putzen Schuhe, sie suchen im Müll nach Verwertbarem, sie verkaufen Getränke, Taschentücher oder Blumen. Einige simulieren Verletzungen oder Lähmungen, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, sagt Kulca.

Die Istanbuler und die vielen ausländischen Touristen, die in den Sommermonaten die Stadt besuchen, können dabei mithelfen, die Kinderarbeit einzudämmen, sagt Kulca. Das Geld, das Kinder wie der Wasserverkäufer Firat verdienen, sei der Grund "warum diese Kinder aus der Schule gehalten werden": Kauft Kindern auf der Straße nichts ab, lautet deshalb sein Appell. Nicht nur, dass Firat und seine Leidensgenossen um eine Schulbildung gebracht werden. "Sie gewöhnen sich ans Lügen, sie gewöhnen sich an Zigaretten und Alkohol, sie haben keine Anleitung durch Eltern oder Lehrer", sagt Kulca. "Sie verlieren ihre Kindheit."

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