Politik : Kinderarmut durch Hartz IV schwer messbar

Wohlfahrtsverband sieht „Rekordniveau von 1,7 Millionen“, muss sich aber auf Modellrechnungen stützen

Juliane Schoenherr

Berlin - Ob die Arbeitsmarktreform Hartz IV dafür verantwortlich ist, dass die Zahl von Kindern in Armut auf ein „Rekordniveau von 1,7 Millionen“ gestiegen ist, wie der Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) sagt, ist fraglich. Da man aufgrund der lückenhaften Datenlage nicht genau weiß, wie viele Kinder vor der Hartz-Reform auf vergleichbarem Niveau lebten, habe man nur Modellrechnungen, bestätigt Rudolf Martens vom DPWV.

Die Linkspartei/PDS ist davon überzeugt, dass die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zum ALG II den sozialen Abstieg der Jüngsten beschleunigt hat. So schreibt die kinder- und jugendpolitische Sprecherin der PDS, Margrit Barth, in einer Pressemitteilung vom April, dass in der Hauptstadt mehr als 166 000 Minderjährige von Armut betroffen seien, während es vor der Hartz-Reform noch 96 000 waren. Die Grundlage, auf der die Sozialleistungen verglichen wurden, lässt diesen Schluss jedoch nicht zu. Die Berliner Senatsverwaltung habe die Zahl der minderjährigen Sozialhilfe-Empfänger (Stand: Ende 2004) jenen Kindern gegenübergestellt, die im Oktober 2005 von Sozialgeld (Arbeitslosengeld II für die unter 15-Jährigen) lebten, so Barth. Tatsächlich lebten Ende 2004 in Berlin „nur“ rund sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen von Sozialhilfe, während ein Jahr später bereits 31 Prozent von Sozialgeld oder ALG II lebten. Ein Beweis für zunehmende Kinderarmut ist dies jedoch nicht, weil in das ALG II auch die ehemalige Arbeitslosenhilfe eingeflossen ist. Insgesamt ist der heutige Empfängerkreis von ALG-II-Beziehern deutlich größer als der von früheren Sozialhilfeempfängern. Automatisch tauchen auch in der Statistik mehr Kinder auf, die von Sozialleistungen abhängig sind.

Rudolf Martens hat das Thema Kinderarmut wissenschaftlich untersucht und kennt die statistischen Fallstricke: „Es gibt leider keine gesonderten Daten darüber, wie viele Kinder früher von der Arbeitslosenhilfe ihrer Eltern lebten. Solche Lücken müssen wir mit möglichst genauen Schätzungen überbrücken“.

Auch ist die begriffliche Gleichsetzung von ALG II und Armut umstritten. Zwar ist das niedrige Einkommen ein wesentlicher Indikator für Armut. Mitunter haben jedoch Kinder von alleinerziehenden Angestellten weniger Geld zur Verfügung als Kinder von ALG-II-Beziehern, wenn sie keine ergänzenden Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

Die statistische Vergleichbarkeit von Sozialleistungen ist mit Hartz IV schwieriger geworden, weil die Agentur für Arbeit Daten heute weniger detailliert auswertet. Konnte man früher sehen, wie viele Kinder unter sieben Jahren von Sozialhilfe lebten, wird heute nur noch die Altersgruppe der bis 15-Jährigen ausgewertet. Von Armut besonders betroffen waren aber die unter Siebenjährigen.

Ebenso wenig lässt sich pauschal sagen, ob Kinder und Jugendliche heute von mehr oder weniger Geld leben. Damals bekamen unter Siebenjährige in Berlin insgesamt etwa 170 Euro, heute immerhin 207 Euro. Anders in der Gruppe der 15- bis 18-Jährigen: Hier wurde die monatliche Sozialleistung von 306 Euro auf 276 Euro gekürzt.

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