Kinderbetreuung durch Leihgroßeltern : Die fremde Oma

Sie geht mit ihr Kuchen essen und bringt sie zum Flötenunterricht. Sie ist für sie da, während die Mutter arbeitet. Ulrike Faßbender könnte Karens Großmutter sein, ist es aber nicht. Sie gehört zu den 495 Alten in Berlin, die fremde Kinder betreuen. Und ein politisches Problem lösen.

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Oma, Mutter, Kind. Seit Januar wird die siebenjährige Karen von Leihgroßmutter Ulrike Faßbender (l.) betreut. Zur Freude ihrer Mutter Meike N.
Oma, Mutter, Kind. Seit Januar wird die siebenjährige Karen von Leihgroßmutter Ulrike Faßbender (l.) betreut. Zur Freude ihrer...Foto: Thilo Rückeis

Als Meike N. im Jahr 2004 schwanger in der Berliner U-Bahn saß, ahnte sie nur in groben Zügen, wohin die Reise ging: Sie würde ihr Kind allein erziehen. Ihre Zeit würde knapp, sie würde Hilfe in der Betreuung brauchen. Dieses Plakat dort hinten könnte ihr Kind betreffen: Vermittlung von „Wunschgroßeltern“.

Als Ulrike Faßbender, ausgebildete Kinderkrankenschwester, sich von ihrem Mann getrennt hatte, ahnte sie, dieses Angebot aus dem Internet könnte sie betreffen: „Wunschgroßmutter“ werden.

Beide wandten sich an Helga Krull, die sich einmal zur Ingenieurin hat ausbilden lassen, um Schiffe zu bauen, die aber heute den Berliner Großelterndienst leitet. Sie empfängt auf grünen Zweisitzern in der Schöneberger Ansbacher Straße Alleinerziehende in den Stürmen des Lebens und vermittelt ihnen Omas und Opas. Im Dienst: 495. Davon 447 weiblich, 48 männlich. Von letzteren helfen 29 in Paaren, 19 sind einzelne Großväter. Die meisten haben eigene Kinder oder sogar Enkel, die aber nicht in der Stadt leben. Die Expertin in Sachen Großelternbeziehung hat einen verbindlichen Blick, eine ansteckende Ruhe und über sieben Jahre Erfahrung.

Großeltern waren bislang Glück für den, der sie hat. Glücklicher, wer sie in der Nähe hat. Pech, wenn beides nicht der Fall ist oder man sich nicht versteht. Großeltern haben vor allem emotionalen Wert. Und weil auf nichts ein Anspruch besteht, ist alles ein Geschenk. Doch plötzlich sind sie hineingeraten in das politisch umkämpfte Bermudadreieck von Geburtenrate, Berufstätigkeit und Kinderbetreuung, in dem so viele Karrieren spurlos verschwinden.

Im Frühling dieses Jahres machte Familienministerin Kristina Schröder den Vorschlag für eine „Großelternzeit“: Analog zur Elternzeit sollten Großeltern drei Jahre im Job pausieren dürfen. Geld gäbe es keines, aber Rentenpunkte und eine Rückkehrgarantie. Man fragt sich nur etwas ratlos, was Schröders Vorschlag soll, wen er betreffen und wem er nützen könnte. Es sind leibliche Großeltern gemeint, die jung genug sind, um überhaupt regelmäßig die Enkel zu betreuen. Großeltern, die in der Nähe der Enkel wohnen müssten. Es sind nur solche gemeint, die arbeiten, aber auf das Geld aus dieser Tätigkeit nicht angewiesen sind.

„Diese Situation wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen“, sagt Helga Krull. Ihr Verein beantwortet seit mehr als 23 Jahren das dringende Bedürfnis nach Betreuung durch Großeltern. Seinen Erfolg verdankt er wohl der Tatsache, dass sie hier von den Lebenssituationen ausgehen und nicht von einem politisch erwünschten Familienideal. Was brauchen Kinder und Großeltern wirklich? Was macht die Großelternbeziehung aus? Unter welchen Umständen gelingt sie am besten?

Meike N. bestellt das Gulasch in der Mittagspause in der Mensa der TU, wo sie sich am Berliner Zentrum für Hochschullehre in Teilzeit um die Finanzen kümmert. Ihre Tochter wird im Januar acht. „Mit verlässlichen Großeltern hätte ich vielleicht einen anderen Job angenommen“, sagt sie. Aber ihre Eltern wohnen in der Nähe von Hannover. In ihrem Alter ziehen sie nicht mehr nach Berlin. Es ist ein strukturelles Problem, sagt N., dass die Menschen immer später Eltern werden und deshalb die Großeltern in einem Alter sind, in dem ihnen eine regelmäßige Kinderbetreuung gar nicht mehr zuzumuten ist.

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