Kinderschutz : Zwangsverheiratet mit 15

Gewalt, Ausbeutung, Menschenhandel: Ein Unicef-Report sieht weltweit die Kinderrrechte bedroht. Kleine Fortschritte gab es bei der Verhinderung von Kinderehen und Genitalverstümmelung.

Jan Oberländer
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Bei der Arbeit. Ein kleines Mädchen als Straßenverkäuferin in Bolivien. -Foto: dpa

Tokio/Köln - Die Zahlen sind nüchtern, doch sie weisen auf eine Tragödie hin. 150 Millionen Kinder unter 15 Jahren müssen hart arbeiten und gehen deshalb kaum oder gar nicht zur Schule. Mehr als 18 Millionen Kinder weltweit wachsen in Familien auf, die durch Kriege oder Naturkatastrophen aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Millionen Mädchen und Jungen sind Opfer von Gewalt, Ausbeutung oder Menschenhandel. Und mindestens eine Million Kinder sitzen in Gefängnissen – mehr als die Hälfte von ihnen ohne Gerichtsverfahren.

Diese Zahlen veröffentlichte das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) in der ersten umfassenden Bestandsaufnahme zu Kinderrechtsverletzungen weltweit. Der Report trägt Daten aus nahezu allen Ländern der Erde zusammen. Er erscheint wenige Wochen vor dem 20. Jahrestag der UN-Kinderrechtskonvention am 20. November.

Die Fortschritte beim Kinderschutz, die der Bericht verzeichnet, sind eher klein. So sind in mindestens 29 Ländern der Erde Mädchen durch die Tradition der Genitalverstümmelung bedroht. Zwar sinkt in vielen afrikanischen Ländern der Anteil der Mädchen, die beschnitten werden. Durchschnittlich werden Mädchen heute jedoch um lediglich rund 15 Prozent seltener als vor 30 Jahren Opfer der Prozedur. Auch sind die regionalen Unterschiede gewaltig: Während etwa in Kamerun ein und in Niger zwei Prozent der 15- bis 49-jährigen Frauen verstümmelt sind, sind es in Guinea 96 Prozent und in Mali 85 Prozent.

Kleine Fortschritte gab es auch bei der Verhinderung von Kinderehen. Nach Angaben von Unicef wird jedes dritte Mädchen in Entwicklungsländern verheiratet, bevor es 18 Jahre alt ist. In Niger, Tschad und Mali liegt der Anteil der Kinderhochzeiten sogar bei mehr als 70 Prozent, in der Zentralafrikanischen Republik, Bangladesch und Guinea und sind es mehr als 60 Prozent. Ein kleiner Lichtblick: In den beiden letztgenannten Ländern sowie in Nepal ist das durchschnittliche Heiratsalter leicht gestiegen, bleibt jedoch unter 18 Jahren.

Das gesamte Ausmaß der weltweiten Kinderrechtsverletzungen bleibt aufgrund der mangelhaften Datenlage unbekannt. Allein 2007 kamen nach Unicef- Schätzungen 51 Millionen Kinder zur Welt, ohne dass ihre Geburt registriert wurde. Im südlichen Afrika werden zwei Drittel aller Kinder nicht registriert, in Somalia und Liberia sind es nur fünf Prozent. Ohne Geburtsurkunde haben Kinder kaum Chancen auf einen Schulplatz und sind krimineller Ausbeutung ausgeliefert.

„Eine Gesellschaft kann sich nicht entwickeln, wenn ihre jüngsten Mitglieder in Kinderhochzeiten gezwungen, sexuell ausgebeutet und ihrer grundlegenden Rechte beraubt werden“, sagte Unicef-Direktorin Ann Veneman. „Das Ausmaß der Kinderrechtsverletzungen zu erfassen, ist ein erster Schritt, um eine Umgebung für Kinder zu schaffen, in der sie geschützt aufwachsen und sich entwickeln können.“ Das 1946 gegründete Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen arbeitet heute in mehr als 150 Ländern. In dem auf seiner Internetseite zugänglichen Bericht identifiziert Unicef verschiedene Handlungsschwerpunkte für die Zukunft. So fordert die Organisation beispielsweise kindgerechte Gesundheits- und Bildungssysteme. Um diese umzusetzen, sollen Regierungen eng mit der Zivilgesellschaft und Unternehmen zusammenarbeiten. Problematische Traditionen wie die Genitalverstümmelung sollen gesellschaftlich geächtet werden. Und eine bessere Datenerhebungen soll dabei helfen, Vorsorgeprogramme für Kinder noch besser unterstützen zu können.

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