Kinderstudie : Jugend ist oft hoffnungslos und ohne Selbstbewusstsein

Eine Studie zeigt: Kinder aus armen Familien fühlen sich schon früh benachteiligt. Insgesamt hat sich die Struktur von Familien verändert.

Sebastian Scholz

Berlin - Die große Mehrheit der Kinder in Deutschland ist mit ihren Lebensverhältnissen zufrieden, jedoch gerät der Nachwuchs aus ärmeren Familien immer stärkerer ins Hintertreffen. Zu diesem Ergebnis kam die World-Vision-Kinderstudie 2010, bei der in Zusammenarbeit mit Sozialforschern zum zweiten Mal 2500 Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren befragt wurden. Den Leiter der Studie, der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, erschreckt vor allem die wachsende Zahl von rund 20 Prozent der Kinder, die sich bereits in frühem Alter massiv benachteiligt fühlen. Diese Kinder blicken negativ in ihre Zukunft und trauen sich keine erfolgreiche Schullaufbahn zu. Die Befragungen zeigten deutlich, dass Kinder bereits in diesen jungen Jahren ihre Umwelt realistisch betrachten und daraus ihre Perspektiven ableiten. Dass die soziale Herkunft die Möglichkeiten und Gestaltungsspielräume im Leben beeinflusst, ist für sich genommen nichts Neues. Erschreckend ist jedoch, wie dadurch bereits in frühem Alter Hoffnungslosigkeit und mangelndes Selbstvertrauen entstehen kann. Armut und fehlende finanzielle Mittel führen bereits früh zu geringeren Teilhabemöglichkeiten und gesellschaftlicher Isolation. Als Konsequenz daraus flüchten sich viele Kinder immer stärker in Medienkonsum wie Fernsehen und Internet. Hierfür sind besonders die Jungen anfällig. Mädchen sind hingegen wesentlich lernbereiter und widerstandsfähiger.

Maßgeblich für die Entwicklung der Kinder sind die Eltern. Die Studie zeigt, dass es dem unteren Fünftel der benachteiligten Kinder vor allem an Rückhalt in der Familie und Förderung fehlt. Es ist für Kinder von großer Bedeutung, ob ihre Eltern die Möglichkeit haben, sie in einem Sportverein anzumelden oder ihnen das Erlernen eines Instruments zu ermöglichen. Aber auch die Vorbildfunktion der Eltern ist von großer Bedeutung. Eltern sollten ihren Kindern daher vor allem ein Leben jenseits von Sofa und Fernsehen vorleben.

Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt, dass die klassische „Ein-Mann-Verdiener-Familie“ ausgedient hat. In den meisten Fällen sind beide Elternteile berufstätig. Immer mehr Kinder wachsen mit nur einem Elternteil auf. Niedrige soziale Herkunft, alleinerziehende Eltern sowie Arbeitslosigkeit der Eltern sind die klassischen Risikofaktoren für ein Aufwachsen in Armut. Bezieht man sich auf die Herkunft der Kinder, so wird deutlich, dass fast die Hälfte der Kinder, die sich benachteiligt fühlen, einen Migrationshintergrund hat – Schichtzugehörigkeit und Migrationshintergrund bedingen sich also.

Die Botschaft der Studie lautet aus Sicht der Auftraggeber: Es bleibt viel zu tun, wenn es um gleiche Chancen für alle geht. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Kinder aufgrund ihrer sozialen Herkunft beruflich und sozial ins Abseits geraten. Es muss in unser aller Interesse liegen Kinder heranzuziehen, die als Erwachsene eine Stütze für unseren Staat, die Wirtschaft und die Gesellschaft sind“, mahnt auch Christoph Waffenschmitt von World Vision Deutschland.

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