Kindheit : Bullerbü lag nie in Deutschland

60 Jahre Bundesrepublik, 60 Jahre Demokratie, doch noch immer ist dieses Land latent kinderfeindlich. Es ist an der Zeit, Gerechtigkeit für Kinder zu fordern

Parvin Sadigh

BerlinDeutschland ist ein ungerechtes Land. Vor allem die Kinder aus Unterschicht- oder Migrantenfamilien gehen in der Schule unter, wie die Bildungsstudien Pisa, Timms und Iglu zeigen. Vielen fällt sogar das Lesen schwer, wenn sie schon 15 sind: Da ihre Eltern häufig keine Bücher in die Hand nehmen, können auch die Jugendlichen nur auf Grundschulniveau Buchstaben entziffern. Diese Kinder schauen eher fern und spielen am Computer, als Freunde zu treffen, Sport zu treiben oder Musikunterricht zu nehmen.

Arme Kinder müssen mehr Angst vor Misshandlung und Vernachlässigung haben. Sie fürchten sich schon als kleine Kinder vor Arbeitslosigkeit. Wir nehmen es hin, dass es Familien gibt, die dem Kreislauf nicht entrinnen: Die Großeltern leben von Hartz IV, ebenso die Eltern. Auch ihre Kinder werden keine Chance bekommen.

Statt etwas gegen diese Missstände zu unternehmen, hören wir dem Mantra der Alten zu, die generell die Kindheit von heute bejammern. Nach dem Motto: "Wir waren so frei, immer draußen. Wir waren nicht so dick, so dumm wie die Kinder von heute und zugleich nicht solchem Leistungsdruck ausgesetzt. Böse Computerspiele und Fantasie tötende Fernsehsendungen haben uns nicht gewalttätig gemacht. Und zu Hause waren, wenn nicht Mama persönlich, dann doch Oma und der Rest des Dorfs immer da und haben uns Recht und Ordnung beigebracht." Haben sie denn alle in Bullerbü gelebt?

Nein, Bullerbü lag nicht in Deutschland. Man braucht nur einen Blick auf die Berichte ehemaliger Heimkinder der damals frischen Demokratie zu werfen, um das zu begreifen. Ihr Schicksal wird erst jetzt an einem runden Tisch aufgearbeitet. Körperliche Arbeit, Prügel und Liebesentzug - darin sah man wirkungsvolle Erziehungsmethoden. Manche Kinder, Waisen oder Kinder von Alleinerziehenden oder Prostituierten, wurden in den Heimen aufs Grausamste misshandelt und ausgebeutet. Andere sind "nur" schrecklich einsam gewesen.

Die Erzieher lernten unwissentlich noch die NS-Methoden ihrer Chefs. Der Erziehungswissenschaftler Wolfram Schäfer sagt: "Bis in die sechziger Jahre waren wissenschaftliche Positionen und Meinungen vertreten und einflussreich, die Heimkinder als "sozialbiologisch unterwertiges Menschenmaterial" bezeichneten."

Doch auch die Ratgeber, die sich an die intakten Familien wandten, verbreiteten noch bis in die achtziger Jahre hinein Kriegsszenarien als maßgeblich für die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Johanna Haarer hieß eine NS-Autorin, die werdende Mütter eindrücklich vor dem Schlachtfeld Geburt und vor den kleinen Tyrannen warnte, die zwangsläufig heranwüchsen, würde man auf ihre Bedürfnisse liebevoll reagieren. Haarers Werk wurde in der neu entstandenen demokratischen Bundesrepublik immer wieder aufgelegt, wenn man auch den "Führer" herausredigierte.

Sie war nicht die einzige, die Kinder als natürliche Feinde ihrer Eltern darstellte. Auch die Schule setzte bis vor nicht allzu langer Zeit noch am liebsten auf das Verbreiten von Angst und das Recht des Stärkeren. Auch wenn die meisten Eltern ihre Kinder geliebt haben werden - der offizielle Blick aufs Kind blieb lange der auf ein gefährliches Raubtier, das man zu einem gescheitelten Kätzchen formen musste.

Erst die viel geschmähten 68er haben mit der "schwarzen Pädagogik" aufgeräumt. Doch sie spukt noch in unseren Köpfen herum. Spätestens wenn etwas schief läuft, glauben wir gerne, dass Erziehung nun mal nur mit Zwang funktioniert. So dass wir "Boot Camps", Abschiebung und härtere Haftstrafen für Jugendliche fordern, die kriminell werden. Und Kinder, die nicht sofort funktionieren, aussortieren.

Zwar gilt das längst nicht mehr für die Mehrheit der Kinder in Deutschland. Sie hat inzwischen sogar Bullerbü hinter sich gelassen: Nie gab es so viel Verständnis, Einfühlung, Wohlstand, so viele Chancen, etwas zu lernen und sich selbst zu verwirklichen. Kinder wählen selbst, ob sie Klavier lernen oder Graffiti-Künstler werden. Eltern wählen unter vielen Ratschlägen, ob vielleicht auch einer von Michael Winterhoff ("Warum unsere Kinder Tyrannen werden") zu ihnen und ihrem Kind passt. Die meisten erleben das Familienleben als harmonisch, wie zum Beispiel das Generationen-Barometer zeigt.

Laut World Vision-  und Shell-Studie haben auch die meisten deutschen Kinder und Jugendlichen ein viel innigeres Verhältnis zu ihren Eltern als ältere Generationen. Sie fühlen sich geborgen und bekommen mehr Aufmerksamkeit als je zuvor, obwohl häufiger als früher beide Eltern berufstätig sind.

Sicher bergen die neuen Möglichkeiten auch für diese privilegierte Mehrheit neue Gefahren. Wer so viel selbst entscheidet, kann auch nur sich selbst für sein Scheitern verantwortlich machen. Der Druck ist stark, etwas Besonderes zu sein. Diese Unsicherheiten gab es früher nicht. Mit ihnen, mit dem Verkehr, den Medien, Computerspielen, Online-Communities, mit dem Zwiespalt zwischen Selbstverwirklichung und Verantwortung müssen nicht nur die Kinder lernen umzugehen.

Aber wer wollte deshalb all das wieder loswerden? Wer wollte, die Möglichkeiten, die uns unser freies Leben bietet, eintauschen gegen die frühere Zucht, Ordnung und Ungerechtigkeit?

Für die behüteten Kinder haben wir schon viel erreicht. Jetzt müssen wir uns um die kümmern, die bislang aussortiert wurden in Randbezirke, Restschulen und den Knast. In den Schulen wird die Diskussion darüber schon laut geführt. Für keinen Rektor und Bildungspolitiker ist sie mehr zu überhören. Die Schulen sind dabei, sich zu öffnen gegenüber der Individualität jedes einzelnen Kindes.

Aber das reicht nicht. Die Bundesrepublik muss noch mehr investieren, in gut ausgebildete, angemessen bezahlte Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter und Psychologen. Sie muss Geld geben für Ganztagsschulen und Kindergärten. Zusätzlich müssen wir die Eltern stark machen, die sich aufgegeben haben, damit sie wieder an die eigenen oder wenigstens an die Chancen ihrer Kinder glauben. Vor allem aber müssen wir die letzten Reste schwarzer Pädagogik aus unseren Köpfen verbannen. Im Umgang mit den eigenen Kindern praktizieren wir sie zwar nicht mehr. Aber wenn es um die Randgruppen der Gesellschaft geht, hilft sie uns immer noch, Menschen schnell und bequem abzuschreiben. ZEIT ONLINE

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