Kindstötungen : Böhmer ringt um die Fassung

Die lange Version des Interviews zu Kindstötungen erklärt die These von Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten. Am Donnerstag will Böhmer zusätzlich eine Stellungnahme im Landtag abgeben. Trotzdem werden seine Kritiker nicht so schnell wieder verstummen.

Michael Schmidt

Berlin - Nach massiver Kritik an seinen Äußerungen zu Kindstötungen in Ostdeutschland setzt sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer zur Wehr. Der CDU-Politiker verwies darauf, das zu Wochenbeginn im „Focus“ veröffentlichte Interview sei die verkürzte Wiedergabe eines langen differenzierenden Gespräches zu einem sensiblen Thema gewesen. „Focus“ stellte daraufhin klar, das Interview sei von der Staatskanzlei autorisiert und freigegeben worden, bot aber der „Focus“-Online-Redaktion an, das Interview komplett zu veröffentlichen – so dass jetzt eine ausführlichere und zum Teil abweichende Version des Gespräches im Internet steht.

Böhmer, der jahrzehntelang als Frauenarzt und Geburtshelfer arbeitete, war mit der Aussage zitiert worden, er erkläre sich die vielen Kindstötungen in den neuen Bundesländern „vor allem mit einer leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern“. Diese Einstellung führe er auf die Abtreibungspolitik in der DDR zurück, wo der Abbruch bis zur zwölften Woche freigegeben gewesen sei und „die Frauen entschieden, ohne sich auch nur einmal erklären zu müssen“. Das wirke bis heute nach. Und es komme ihm so vor, „als ob Kindstötungen von Neugeborenen – die es allerdings immer schon gab – für manche ein Mittel der Familienplanung seien.“

Abweichend von der gedruckten Fassung stellt Böhmer in der Internetversion mit Blick auf die im Osten höhere Zahl sowohl an Schwangerschaftsabbrüchen wie auch an Kindstötungen gleich eingangs des Interviews klar: „Aus einer statistischen Aneinanderreihung folgt noch keine Kausalität.“ Dann folgt die Äußerung: „Dennoch ist die Häufung nicht zu leugnen.“

Bemerkenswert ist noch ein weiterer Unterschied . In der Online-Version wird deutlich, dass Böhmer nicht nur die „weitverbreitete Fixierung auf den Staat aus DDR-Zeiten“ kritisiert, die „zur Aufgabe von individueller Verantwortung“ führe, sondern auch und vor allem den Staat in der Pflicht sieht. Aufgabe der Politik sei es, so Böhmer, sich um die „chronische Verwahrlosung in Familien“ zu kümmern. In der Online-Version folgt die Erklärung: Der Staat müsse „seine Wächterfunktion stärker wahrnehmen“. Er persönlich könne zum Beispiel „mit verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen leben“ und wäre auch „dafür, staatliche Leistungen wie das Kindergeld an den Nachweis von absolvierten Vorsorgen zu knüpfen“.

Nach der Kabinettssitzung am Dienstag kündigte die Staatskanzlei in Magdeburg an, Böhmer werde am Donnerstag im Landtag öffentlich Stellung beziehen. Während der Koalitionspartner sich danach vorerst versöhnt zeigte – Sozialministerin Gerlinde Kuppe (SPD) sagte, der Ministerpräsident habe wesentliche Kritikpunkte „aufgegriffen und ausgeräumt“ – hielt die Kritik an Böhmer an. Thüringens Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski (CDU) sagte, in der DDR habe es eine positive Einstellung zu Kindern und eine gewissenhafte Beratung vor einem Abbruch gegeben. Volker Hess vom Berliner Institut für Geschichte der Medizin sagte, die Unterstellung, ein anderer Umgang mit der Abtreibung senke die Schwelle zur Kindstötung, halte er für „an den Haaren herbeigezogen.“ Wenn es Differenzen zwischen Ost und West gebe, dann sehe er die eher im sozialen Umfeld, in höherer Arbeitslosigkeit und der noch größeren Angst vor Armut, als in juristischen Argumenten. Sonst, so Hess, „müsste man sich ja fragen, ob die Niederländer mit ihrer liberaleren Abbruchpraxis eigentlich ähnliche Probleme haben.“

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