Kindstötungen : Kriminologe will Böhmers These nachgehen

Kriminologe Christian Pfeiffer hält die Ausführungen von Sachsen-Anhalts Wolfgang Böhmer zu Kindstötungen in Ostdeutschland für bedenkenswert. An seinem Institut untersucht er derzeit rund 1000 Fälle, bei denen Kinder durch ihre Eltern in den vergangenen zehn Jahren getötet wurden. Wir haben nachgefragt.

Simon Frost

BerlinWolfgang Böhmer muss sich derzeit einiges anhören. Die Linke nennt den Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt angesichts seiner Äußerungen zu Kindstötungen im Osten "senil". Andere fordern den Rücktritt des 72-jährigen CDU-Politikers.

Christian Pfeiffer ist nicht ganz unschuldig an der prekären Lage, in der sich Böhmer derzeit befindet. Die Frage, die der "Focus" dem Ministerpräsidenten stellte und deren Beantwortung ihn jetzt in Bedrängnis bringt, bezog sich auf eine Äußerung des niedersächsischen Kriminologen: Nach mehreren Fällen getöteter Kinder in den neuen Bundesländern, behauptete Pfeiffer vor rund einer Woche, das Risiko von Babys im Osten getötet zu werden, sei drei- bis viermal so hoch, als wenn sie in den alten Bundesländern zur Welt kommen.

Böhmers These ernstnehmen

Insofern ist es eigentlich nur allzu fair, wenn Pfeiffer jetzt - zumindest eingeschränkt - Partei für den Politiker ergreift. "Ich würde es zwar nicht auf die Abtreibungspolitik der DDR schieben, dass es mehr getötete Kinder im Osten gibt", sagt der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen im Gespräch mit zoomer.de. "Aber Böhmers These ist dennoch ernst zu nehmen: Es kann durchaus etwas mit der Einstellung zum Leben zu tun haben."

Böhmer hatte die Häufung von Babymorden in Ostdeutschland mit einer "leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern" erklärt. Seit Anfang der siebziger Jahre konnten Frauen in der DDR bis zur zwölften Woche ohne Begründung eine Schwangerschaft abbrechen. "Das wirkt bis heute nach", sagte Böhmer. In der DDR war er lange Zeit Chefarzt einer Entbindungsklinik. Die Tötung von Neugeborenen sei offenbar für manche Frauen "ein Mittel der Familienplanung".

Grundhaltung und religiöse Bindung

Werte und Grundhaltung spielen nach Pfeiffers Ansicht eine Rolle. "Insofern ist das, was Herr Böhmer sagt, richtig." Auch die religiöse Bindung sei in den neuen Bundesländern nicht so hoch wie in den alten. "Das kann eine Erklärung sein, warum die Zahl getöteter Kinder im Osten höher ist - muss aber nicht", sagt Pfeiffer.

Pfeiffer untersucht derzeit an seinem Institut alle gerichtlich abgeschlossenen Fälle, bei denen Kinder durch ihre Eltern in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland getötet wurden. Insgesamt sind das knapp 1000 Fälle. "Wir haben erst 150 Akten durch, unsere Forschung beginnt gerade erst", sagt Pfeiffer. Dennoch hat er bereits drei Gruppen von Frauen und Eltern ausgemacht, bei denen das Risiko zur Kindstötung besteht:

Isolierte Frauen

"Bei einem Viertel bis einem Drittel der Fälle handelt es sich um Frauen, die die Schwangerschaft verheimlichen, das Kind ohne Hilfe zur Welt bringen und es dann töten oder es sich selbst überlassen." Dies seien "sehr isolierte Frauen", die ihre Mutterrolle nicht annehmen wollen oder können. Der Bildungsgrad spielt dabei offenbar keine Rolle. "Durchaus sind darunter auch junge Studentinnen", betont Pfeiffer.

Überforderte Mütter

In gut der Hälfte der Fälle spielen Pfeiffer zufolge katastrophale Lebensbedingungen eine wesentliche Rolle. "Oft versuchen es die jungen Eltern zunächst, ihr Kind aufzuziehen, sind dann aber völlig überfordert und irgendwann passiert es, dass Vater oder Mutter das Kind zu Tode schütteln oder es nicht mehr versorgen."

Psychisch kranke Frauen

Als dritte Kategorie hat Pfeiffer psychisch kranke Frauen ausgemacht. Sie hätten einen Anteil von 15 bis 20 Prozent der untersuchten Fälle. Ursache für die Kindstötung seien bei ihnen häufig Wahnvorstellungen.

Die genannten Kategorien lassen sich Pfeiffer zufolge jedoch nicht klar trennen. Die Hintergründe, die zu Kindstötungen führen können, seien immer die gleichen. Isolation ist demnach ein entscheidender Faktor. "Dann spielt auch mangelnde Unabhängigkeit, beruflich und finanziell, eine Rolle." Schließlich sei es wichtig, welche Werte in der Kindheit vermittelt worden seien. 

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