Politik : Kirche gibt sich Fußnoten

Protestanten haben sich mit ihrem Familienpapier viel Ärger gemacht. Jetzt reagiert der Rat der EKD.

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Ehe und Familie – kommt das traditionelle Familienbild im EKD-Papier zu kurz? Foto: dpa
Ehe und Familie – kommt das traditionelle Familienbild im EKD-Papier zu kurz? Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Berlin - Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) rudert im Streit um ihr Familienpapier vorsichtig zurück. Der Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, kündigte eine Neuauflage des Textes mit „ergänzenden Erläuterungen“ an. „Aus der Diskussion über die Orientierungshilfe lernen wir, dass wir die theologischen und hermeneutischen Fragen bei der Vermittlung des Themas ausführlicher darstellen müssen“, sagte Schneider dem Tagesspiegel.

Um das im Sommer erschienene Papier gibt es eine lebhafte innerkirchliche Auseinandersetzung. Leitende Geistliche wie der württembergische Landesbischof Frank Otfried July oder der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, stießen sich daran, dass die sogenannte Orientierungshilfe nahezu keine theologische Argumentation enthielte und das traditionelle Bild von Ehe und Familie vernachlässige. Der Berliner Landesbischof Markus Dröge vermisste beim Thema Homosexualität „fehlende theologische Klarheit“. Mitglieder des Rates, etwa die Württemberger Pietistin Tabea Dölker oder der badische Landesbischof Ulrich Fischer, rückten von dem gemeinsam beschlossenen Text ab.

Wenn das oberste Leitungsgremium der EKD Ende dieser Woche zur ersten Sitzung nach der Sommerpause in Hannover zusammenkommt, wird es Gesprächsbedarf geben, so viel scheint sicher. „Wir planen ein theologisches Symposium zur Einordnung und Kommentierung des Papiers“, sagte Schneider. Er selbst aber hält an den Kernaussagen der Orientierungshilfe fest: „Die Schrift setzt die traditionelle Ehe und Familie voraus und löst sie nicht als Leitbild ab.“ Allerdings würden Ehe und Familie stärker über Werte wie Verlässlichkeit, Gerechtigkeit und Treue und nicht über das Vorhandensein eines Trauscheins diskutiert. Doch dass die EKD nun zum Verständnis ihrer eigenen Schrift eine wissenschaftliche Konferenz ansetzt, zeigt, welch kommunikativer Misserfolg die Orientierungshilfe war.

Die Orientierungshilfe war das erste größere Papier seit langem, mit dem sich die Protestanten zu Wort meldeten – was auch mit der personellen Zusammensetzung des Rates der EKD zusammenhängt. Denn als 2009 in Ulm das Leitungsgremium der EKD gewählt wurde, standen die meisten evangelischen Bischöfe kurz vor der Pensionsgrenze. Einige Kirchen, etwa Oldenburg, hatten jüngere Kandidaten gewählt, diese galten aber als unerfahren. Doch weil mit Margot Käßmann eine junge Ratsvorsitzende in Sicht war, konnte es sich das Kirchenparlament leisten, viele Beinahe-Rentner in die Leitung zu wählen. Niemand ahnte, dass Käßmann bald darauf nach einer Trunkenheitsfahrt zurücktreten würde.

Im November stehen Nachwahlen an. Der frühere bayerische Landesbischof Johannes Friedrich, eine starke lutherische Stimme im deutschen Protestantismus, wird den Rat verlassen, ebenso die Theologieprofessorin Christiane Tietz, die in die Schweiz geht. Und ob die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin ihrer Partei, als Präses der Synode an der Spitze des Kirchenparlaments bleibt, damit qua Amtes auch dem Rat der EKD weiter angehören wird, hängt maßgeblich vom Ausgang der Bundestagswahlen ab. Benjamin Lassiwe

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