Kirche im Wandel : Im neuen Geist

In Deutschland geht es der katholischen Kirche wie den Volksparteien:  Sie schrumpft. Wie reagieren Papst und Bischöfe auf den Rückgang?

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Die katholische Kirche in Deutschland befindet sich am diesjährigen Pfingstfest in einer Umbruchphase. Durch die Säkularisierung und Pluralisierung der Gesellschaft macht sie ähnliche Erfahrungen wie die Volksparteien: Die Mitte schrumpft, die Ränder werden stärker. Außerdem kommt Papst Franziskus fast monatlich mit einer Überraschung um die Ecke. So regte er am Donnerstag an, die Kirche solle über ein Diakonat für Frauen nachdenken.

Dürfen Frauen bald einen katholischen Gottesdienst leiten?

Das dürfen in der katholischen Kirche nur geweihte Priester. Franziskus hat schon öfter klargestellt, dass es so bleiben soll. Doch auch die Zulassung von Diakoninnen wäre ein großer Schritt. Diakone dürfen zwar nur taufen und keine Eucharistie feiern, doch bei den Männern ist das Diakonenamt die unterste der drei Weihestufen, darüber folgen Priester- und Bischofsweihe. Und Papst Johannes Paul II. hatte das Diakonenamt für Frauen abgelehnt, weil er es als Einfallstor für die Forderung nach höheren Weihen fürchtete.

Seit vielen Jahren fordern Katholiken die Zulassung von Frauen zum Altar – mit dem Argument, dass Frauen auch in der Urgemeinde priesterähnliche Aufgaben hatten. Andere behaupten, Frauen hätten damals nur soziale Aufgaben wahrgenommen. Franziskus dachte am Donnerstag laut darüber nach, eine Kommission einzusetzen, die diese Fragen klären soll – um dann auszuloten, welche Rolle Diakoninnen heute spielen könnten. Vermutlich hat er sich nicht nur aus Freundlichkeit zu den Frauen so geäußert. Ihn treibt auch der Priestermangel in den westlichen Kirchen um.

Wie reagieren Deutschlands Bischöfe auf den Modernisierungskurs des Papstes?

Ob der Weg der Öffnung richtig ist, um sich in der säkularen Gesellschaft zu behaupten, darum wird innerkirchlich so heftig gerungen wie in der CDU um den Modernisierungskurs von Angela Merkel. Zwei Drittel der 27 deutschen Ortsbischöfe unterstützen Franziskus – mit unterschiedlichem Engagement. Ein Drittel sehnt sich nach Papst Benedikt zurück.

Der Passauer Bischof Stefan Oster etwa hält den „Humanismus der Nettigkeit“ für falsch. Er beklagt eine „Nivellierung“ der christlichen Botschaft und wünscht sich mehr Predigten über Sünde und Hölle. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz und Münchner Kardinal Reinhard Marx steuert einen Kurs der Mitte: für eine Öffnung in Maßen und mit Bewusstsein für die Traditionen – ohne autoritäre Strukturen, aber mit Autorität.

Wie positionieren sich die Bischöfe in der Flüchtlingspolitik?

Alle sind sich einig: Angela Merkels Willkommenskultur war richtig. Wer vor Krieg und Gewalt flieht, muss in Europa Aufnahme finden, sagen die Bischöfe und argumentieren mit der Bibel: Jesus selbst war Flüchtling; die christliche Nächstenliebe gelte jedem Menschen, unabhängig von Religion und Herkunft. Für ihre Haltung werden die Bischöfe mittlerweile mit Hasspost überschüttet.

Der Erfolg der Rechtspopulisten macht ihnen zudem große Sorge – zumal zehn Prozent der Katholiken bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg AfD gewählt haben, wie Umfragen von ARD/Infratest Dimap ergaben. Eine Strategie, wie man mit der AfD umgehen soll, gibt es nicht. Fest steht: Im Moment würde sich kein Bischof offiziell mit AfD-Vertretern treffen. In den Bundesländern, in denen die AfD im Landtag sitzt, gibt es aber Gespräche der katholischen Büros mit Vertretern der Partei. Die Entscheidung des Zentralkomitees der Katholiken, keine AfD-Funktionäre auf Podien des Katholikentages Ende Mai in Leipzig zuzulassen, ist unter den Bischöfen umstritten.

Kann man überhaupt noch von Volkskirche sprechen?

In Münster hat kürzlich ein katholischer Pfarrer seine Gemeinde aufgegeben und ist ins Kloster gegangen. Die Sehnsucht in der Gesellschaft nach dem Glauben sei nicht mehr da, und er habe keine Lust mehr, den Leuten hinterherzulaufen, sagte Thomas Frings, ein Großneffe des berühmten Kölner Kardinals Josef Frings.

Einen so spektakulären Schritt tun nur wenige, doch die Frustration steigt auch bei vielen anderen. Noch hat die katholische Kirche in Deutschland knapp 24 Millionen Mitglieder, doch die Bischöfe rechnen damit, dass der Schrumpfungsprozess weitergeht. Säkularisierung und Pluralisierung der Gesellschaft führt dazu, dass sich auch die Religiosität pluralisiert. Immer weniger Gläubige wollen sich vorschreiben lassen, was sie zu glauben haben. Die Mitte, dort, wo es die meisten Überschneidungen in den Glaubensgewissheiten gibt, wird kleiner.

Zulauf haben die Gemeinschaften an den Rändern, wo es autoritärer – oder ganz locker zugeht. Zugleich bleiben die Kirchen wichtig für die gesellschaftliche Debatte. Wie sich abzeichnet, wird sich im Wahlkampf 2017 viel um Identitätsfragen drehen. Dazu gehören auch religiöse Fragen.

Wie liberal oder konservativ ist die Bischofskonferenz?

Momentan scheint es drei Flügel in der Bischofskonferenz zu geben: Ein Drittel ist theologisch dezidiert konservativ, ein Drittel liberal, ein Drittel gemäßigt liberal.

Doch in den kommenden eineinhalb Jahren sind fünf Bischofssitze zu besetzen. Erst danach wird man klarer sehen, wohin die Bischofskonferenz tendiert. Die Bischofsstühle in Aachen und Limburg sind bereits vakant, Mainz folgt jetzt, und im Sommer 2017 erreichen die Würzburger und Hildesheimer Bischöfe das übliche Rücktrittsalter von 75 Jahren. Die Generation, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt und entsprechend kritisch war, tritt ab.

Von Bischof Franz-Josef Overbeck und den Kardinälen Reinhard Marx und Rainer Maria Woelki abgesehen setzen sich die Jüngeren, also die 50- bis 60-Jährigen, lieber für eine spirituelle Erneuerung ein, statt die kirchlichen Dogmen zu hinterfragen. Eine konservative theologische Ausrichtung verträgt sich dabei sehr gut mit einer sozialpolitisch linken Haltung und modernem, freundlichem Auftreten – und im Fall des Passauer Bischofs Oster auch mit einer Affinität zu Facebook und zum Bloggen.

Große Theologen, wie Kardinal Lehmann einer ist, sucht man vergebens. Dadurch wird es nicht einfacher werden, die christliche Botschaft in Politik, Wirtschaft und Kultur zu übersetzen.

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