Kirche in der Krise : Missbrauchskandal: Der Zorn der Gläubigen

Krise der katholischen Kirche: Als Folge des Missbrauchskandals haben Zehntausende die Kirchen verlassen – Katholiken wie Protestanten.

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Wer der Kirche den Rücken kehrt, ist nicht unbedingt vom Glauben abgefallen: 2010 zum Beispiel sind viele Katholiken zu den Protestanten übergetreten.
Wer der Kirche den Rücken kehrt, ist nicht unbedingt vom Glauben abgefallen: 2010 zum Beispiel sind viele Katholiken zu den...Foto: dpa

Berlin - Die Krise der katholischen Kirche hat ihre Mitglieder nachhaltig empört. Tausende kehrten der Institution den Rücken, vor allem in den südlichen und südwestlichen Bistümern.

Besonders dramatisch zeigte sich das in den Bistümern Augsburg und Rottenburg-Stuttgart. In Augsburg, wo Bischof Walter Mixa zurückgetreten ist, dann wieder vom Rücktritt zurücktreten wollte und dann doch endgültig abdankte, traten bis Mitte Dezember 11 351 Katholiken aus der Kirche aus. 2009 waren es 6953. Im Bistum Rottenburg-Stuttgart wendeten sich bis Ende November 17 169 von der katholischen Kirche ab, 2009 waren 10 619. Auch in Würzburg, Trier und Hamburg verabschiedeten sich Tausende, auch hier vor allem in den Monaten März und April.

Pfarrer erzählen, dass sich die meisten, die aus der Kirche austreten, schon vorher über einen längeren Zeitraum von der Kirche distanziert haben. Ein aktuelles Ereignis ist dann der letzte Anstoß. Es gibt aber auch viele Katholiken, denen die Gemeinschaft und die Gottesdienste trotz der Frustration mit der eigenen Amtskirche so wichtig sind, dass sie nicht einfach nur austreten, sondern in eine andere Kirche übertreten. Die zum Teil enorm gestiegenen Übertrittszahlen in die evangelischen Landeskirchen besonders in Süddeutschland lassen vermuten, dass tausende frustrierte Katholiken dieses Jahr Protestanten geworden sind.

In die evangelische Landeskirche Bayern sind bis Ende November 5000 Menschen eingetreten, normalerweise seien es im ganzen Jahr 3500, sagt Sprecher Johannes Minkus. Normalerweise seien die Hälfte Katholiken. In den Wiedereintrittsstellen in München, Nürnberg und besonders in Augsburg berichten die Mitarbeiter, dass ihnen dieses Jahr mehr als in anderen Jahren Menschen von ihrem Zorn über die katholische Kirche erzählt haben. „Viele sind frustriert über die Unfähigkeit der katholischen Kirche, Reformen anzupacken“, sagt auch Christian Tsalos, der Sprecher der evangelischen Landeskirche in Baden-Württemberg. Das habe man in den Gesprächen bei der telefonischen Wiedereintrittsstelle gemerkt. Doppelt so viele Menschen wie im vergangenen Jahr seien in die evangelische Kirche eingetreten, darunter ein Drittel mehr Katholiken.

Die badische Landeskirche verzeichnete im ersten Halbjahr einen Zuwachs von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Landeskirchen-Sprecher Marc Witzenbacher führt dies vor allem auf die Popularität von Margot Käßmann zurück. Viele hätten ihren Eintritt mit dem „Stolz auf die evangelische Kirche“ begründet, damit, dass Margot Käßmann sofort Verantwortung für ihren Fehler übernommen habe. Eine zweite Eintrittswelle habe es im Sommer gegeben, als die Empörung über Bischof Mixa besonders groß war.

In der Hannoverschen und der rheinischen Landeskirche ist die Zahl der Ein- und Übertritte gegenüber 2009 kaum gestiegen, was daran liegen könnte, dass die Debatte um die Missbrauchsfälle in Süddeutschland heftiger geführt wurde als im Norden. Auch in den ostdeutschen Bistümern und evangelischen Landeskirchen spiegelten sich die Debatten in den Aus- und Eintrittszahlen kaum wider.

In Berlin, wo Pater Klaus Mertes die ersten Missbrauchsfälle im Canisius-Kolleg im Januar öffentlich machte und damit das Thema ins Rollen brachte, ist die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche zwar ein wenig höher als im Vorjahr, aber nicht vergleichbar mit dem sprunghaften Anstieg 2009, als der Piusbruder Williamson für viele Katholiken das Fass zum Überlaufen brachte. So hatten 2008 3700 Menschen dem Erzbistum den Rücken gekehrt, 2009 waren es 4700. Ende November 2010 waren es 4800. Aber auch in Berlin sind wesentlich mehr Katholiken in die evangelische Landeskirche eingetreten als in den Vorjahren. 2009 waren es 155, bis Ende September 2010 bereits 145.

Das bedeutet aber nicht, dass die evangelische Kirche sozusagen Krisengewinnler ist. Auch aus evangelischen Landeskirchen sind in diesem Jahr mehr Menschen ausgetreten als in den Jahren zuvor, auch hier die meisten in den Monaten März und April, als die meisten Missbrauchsfälle öffentlich wurden. „Normalerweise treten in den ersten beiden Quartalen nicht so viele aus“, sagt Christian Tsalos von der Württembergischen Landeskirche. „Aber dieses Jahr waren es im zweiten Quartal sehr viele.“ Er rechnet mit rund 13 000 Austritten für 2010, etwas mehr als 2009. „Wir sitzen mit den Katholiken in einem Boot“, sagt Tsalos. Viele Christen würden nicht mehr zwischen den Konfessionen unterscheiden und aus der evangelischen Kirche austreten, weil sie sich über den Papst ärgern.

Aus der Berliner Landeskirche sind dieses Jahr allerdings etwas weniger Menschen ausgetreten als im Vorjahr. Bis Ende September 2010 waren es 5411, 2009 waren es 8067 im ganzen Jahr.

Auch zum Islam konvertieren jedes Jahr Menschen in Deutschland. Verlässliche Zahlen gibt es allerdings nicht. Das Islamarchiv Soest schätzt, dass vor dem 11. September 2001 jährlich 200 bis 250 Deutsche übergetreten sind, danach 1000, 2000, auch mal 4000 in einem Jahr. Wie viele es dieses Jahr waren, weiß man auch in Soest nicht. Das Bundesinnenministerium will jetzt mit einer repräsentativen Umfrage unter den vier Millionen Muslimen Genaueres herausfinden. Die Studie soll im Herbst nächsten Jahres fertig sein.

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