Politik : Kirche will Kardinal Sterzinsky entmachten

Erstmals sollen Treuhänder Finanzen eines Erzbistums kontrollieren / Bischöfe verlangen „völlige Offenlegung“ der Berliner Schulden

Martin Gehlen

Berlin. Einflussreiche Bischöfe westdeutscher Diözesen verlangen, dass dem Berliner Kardinal Georg Sterzinsky wegen der Schuldenkrise seines Erzbistums ein so genannter Treuhandausschuss vorgesetzt wird. Dem Gremium, das künftig alle Geldausgaben überwacht, sollen zwei Bischöfe, zwei Generalvikare und zwei Finanzdirektoren anderer Bistümer angehören. Westdeutsche Kirchenkreise bestätigten gegenüber dem Tagesspiegel eine entsprechende Vorabmeldung des „Spiegel“. Die Forderung, die einer faktischen Entmachtung des Berliner Kardinals gleichkäme, geht zurück auf einen Brief des Kölner Kardinals Joachim Meisner und des Münsteraner Bischofs Reinhard Lettmann an die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn. Darin verlangen die beiden Oberhirten die „völlige Offenlegung“ der „strukturellen Verantwortungslosigkeit" und eine „tiefe und gründliche Debatte" über das Finanzdebakel. Das Ganze ist ein in Deutschland bislang beispielloser Vorgang.

Die Bischofskonferenz kommt am 10. März zu einem dreitätigen Treffen in Freising zusammen, wo offenbar auch die Mitglieder dieses Treuhandausschusses benannt werden sollen. An dem Treffen nehmen alle Generalvikare der 27 deutschen Diözesen teil. Das Erzbistum Berlin hat Schulden in Höhe von 148 Millionen Euro.

In den anderen Bistümern gibt es trotz eigener Finanznöte zwar die Bereitschaft, einen Teil der Schulden zu übernehmen. Gleichzeitig herrscht erheblicher Unmut über die Vorgänge in Berlin, die als großer materieller und ideeller Schaden für die gesamte katholische Kirche in Deutschland angesehen werden. Schon im Vorfeld haben mehrere Bistümer klargestellt, sollte Sterzinsky die ihm auferlegten Bedingungen ablehnen, würden sie sich an der Rettungsaktion nicht beteiligen. Dann könnte das Erzbistum möglicherweise bald die Gehälter seiner Mitarbeiter nicht mehr bezahlen.

Als „völlig unbegreiflich" und „skandalös“ bezeichneten es Finanzmanager verschiedener Bistümer, dass der Ende 2002 ausgeschiedene Finanzdezernent des Erzbistums, Clemens Graf von Waldburg-Zeil, Gehaltszahlungen über Jahre durch Kredite finanziert habe, statt den üppigen Personalbestand auf ein bezahlbares Maß zu reduzieren. Waldburg-Zeil arbeitet mittlerweile als Generalsekretär beim Deutschen Roten Kreuz.

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