Politik : Kirchen-Konzept für den schlimmsten Fall

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Von Claudia von Salzen

Die jüngsten Fälle von Kindesmissbrauch durch Priester haben die katholische Kirche tief erschüttert. Doch auch in der evangelischen Kirche ist diese Debatte nicht ohne Folgen geblieben – umso mehr, seit in dieser Woche Missbrauchsvorwürfe gegen einen evangelischen Pfarrer aus dem Raum Ulm bekannt geworden sind. Nach Angaben der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) handelt es sich bereits um den dritten Fall in diesem Jahr. Und es sei durchaus möglich, dass noch weitere bekannt würden, heißt es bei der EKD. Wie die Kirche mit solchen Fällen umgehen sollte, wird schon seit einigen Wochen in der EKD diskutiert. Daraus ist ein Eckpunktepapier mit Empfehlungen an die Landeskirchen hervorgegangen.

Sobald es erste Verdachtsmomente gebe, dass Kinder sexuell missbraucht worden sind, müsse die Kirche dem unverzüglich nachgehen, fordert die Gruppe von Theologen und Juristen, die das Eckpunktepapier ausgearbeitet hat. Gegebenenfalls soll die Kirchenleitung demnach auch selbst Strafanzeige stellen. Der mutmaßliche Täter müsse sofort vom Dienst suspendiert werden. „Wenn es sich tatsächlich um Pädophilie handelt, kommt eine bloße Versetzung an einen anderen Ort nicht in Betracht“, betont EKD-Sprecher Thomas Krüger. Der EKD ist es wichtig, dass die Kirche mit dem Thema an die Öffentlichkeit geht, noch bevor das die Staatsanwaltschaft tut oder bevor sich gar entsprechende Gerüchte verbreiten. Und schließlich müssten Opfer und Täter seelsorgerisch betreut werden. Die Landeskirchen werden sich nach der Sommerpause mit dem Thema befassen.

Einem evangelischen Pfarrer im Raum Ulm wird vorgeworfen, im Religionsunterricht an einer Grundschule Kinder sexuell belästigt oder missbraucht zu haben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Ulm, die nach einer Anzeige von Eltern Ermittlungen aufgenommen hat, ist dieser Fall aber „noch sehr vorsichtig zu bewerten“. Die Landeskirche in Württemberg hat den Pfarrer nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe sofort aus dem Religionsunterricht genommen und nach Aufnahme der Ermittlungen ganz vom Dienst suspendiert. Zudem werde die Landeskirche den Pfarrer zu einer Anhörung laden, sagte der Sprecher Christof Vetter.

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Hans Joachim Meyer, räumte indes Fehler der Kirche beim Umgang mit dem Problem des sexuellen Missbrauchs ein. Die Kirche habe dem Problem nicht genügend Beachtung geschenkt, sagte Meyer im Deutschlandradio Berlin. Das Bistum Hildesheim gab am Freitag schwere Versäumnisse zu. Seit Beginn der 80er Jahre seien fünf bis sechs Missbrauchsfälle bekannt geworden, in mindestens einem blieb der Täter ungeschoren, hieß es.

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