Kirchen und Flüchtlinge : Konjunktur für Christen

Die Flüchtlinge tun den Kirchen gut. Sie beleben die Gemeinden, lösen Blockaden und beflügeln ungemein. Eine Analyse.

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Eine evangelische Kirche in Oberhausen dient als Flüchtlingsunterkunft.
Eine evangelische Kirche in Oberhausen dient als Flüchtlingsunterkunft.Foto: dpa

Die Flüchtlinge sind ein Segen für die Kirchen. Selten waren sich Bischöfe, Pfarrer und Gemeindemitglieder so einig wie in der Unterstützung für die Neuankömmlinge, selten waren sie so gefragt. Das löst Blockaden, bringt Allianzen und beflügelt ungemein. Das hat auch die heute endende Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gezeigt.

Streit ums Familienbild? Auseinandersetzungen über die Friedensethik? Gezänk mit den Katholiken über Martin Luther? War da was? Die Not der Zuwanderer lässt die Wichtigkeit vieler Debatten auf Zwergengröße schrumpfen. Auch die Resignation nach dem Rücktritt von Margot Käßmann 2010, nach Missbrauchsvorwürfen und angesichts steigender Austrittszahlen (2014 waren es 275 000) hat sich in zupackendes Handeln von 120 000 evangelischen Ehrenamtlichen, tausenden Pfarrern und Bischöfen verwandelt. Bei und mit den Flüchtlingen hat die evangelische Kirche im Schulterschluss mit den Katholiken zu ihrem neuen religiösen Kernthema gefunden und zu ihrer politischen Rolle.

Alte Auseinandersetzungen sind vergessen

Auch die 15 am Dienstag neu gewählten Ratsmitglieder an der Spitze der EKD bringen Drive in das Thema. Von der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs dem Berliner Bischof Markus Dröge über den Pharma-Chef Andreas Barner bis zum Staatssekretär im Bundesfamilienministerium Thomas Rachel sind sie sich einig, dass der Dialog mit den anderen Konfessionen und Religionen eine der Hauptaufgaben der nächsten Jahre sein wird.

An der Spitze der Bewegung aber steht der Münchner Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, den die Ratsmitglieder an diesem Mittwoch höchstwahrscheinlich für weitere sechs Jahre im Amt als Ratsvorsitzender bestätigen werden. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit. Durch seine engagierten wie robust fröhlichen Einlassungen zur Flüchtlingspolitik hat er sich als Anwalt der Schwachen und Schutzsuchenden profiliert.

Die neuen Familien wirken für viele Kirchengemeinden wie eine Vitaminspritze

Die zugewanderten Christen, darunter viele Familien mit Kindern, wirken für viele Kirchengemeinden wie eine Vitaminspritze. Sie alle können zur Erdung des Reformationsjubiläums 2017 beitragen und den Feierlichkeiten tatsächlich die Weite und Weltläufigkeit ermöglichen, die schon oft beschworen wurde.

Bei so viel Selbstgewissheit und Aufbruchstimmung ist es gut, dass der frühere Verfassungsrichter Udo di Fabio die Synodalen daran erinnerte, dass die Humanität dort ihre Grenze und zugleich Entfaltung findet, wo sie sich mit der Ordnung des Verfassungsstaates reibt. „Die einen können nicht um der Ordnung willen die Grenzen schließen, aber die anderen können sie auch nicht um des Imperativs der Humanität willen aufreißen“, sagte er. Auch diese Ambivalenz ist ein Erbe Martin Luthers.

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