Kirchen und Missbrauch : Demütigungen und Schläge

In kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit gab es rigide Erziehungsmethoden.

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Demütigungen und Schläge waren an der Tagesordnung, Misshandlungen und Missbrauch kamen immer wieder vor. In kirchlichen Kinderheimen der Nachkriegszeit gab es rigide Erziehungsmethoden, religiösen Zwang und eine „schwierige, zum Teil desolate Lebenssituation.“ Das ist das Ergebnis einer von den beiden großen Kirchen finanziell geförderten Studie zur konfessionellen Heimerziehung von 1949 bis 1972, die die Bochumer Theologieprofessoren Traugott Jähnichen und Wilhelm Damberg gestern an der Ruhr-Universität der Öffentlichkeit vorstellten. Sie bestätigt weitgehend die Erkenntnisse des 2009 und 2010 tagenden Runden Tisches Heimerziehung, der nach Petitionen ehemaliger Heimkinder vom Deutschen Bundestag eingerichtet worden war.

„Es war immer ein Stigma, ein Heimkind zu sein“, sagte Jähnichen. Zwar habe sich die Situation in den kirchlichen Heimen nicht wesentlich von den staatlichen Heimen der Nachkriegszeit unterschieden. „Aber der eigene Anspruch, eine bessere Erziehung zu leisten, konnte nicht realisiert werden.“ Große Kindergruppen und überfordertes und schlecht ausgebildetes Personal hätten ebenso dazu beigetragen, wie Betreuungssätze von teilweise nur 1,50 Mark pro Tag. Die Heime seien ein geschlossenes System gewesen, dass auch von staatlichen Vertretern nur unzureichend kontrolliert worden sei. „Mit den Vormündern gab es immer Personen, die außerhalb des Heimes für das Kind verantwortlich waren“, sagte der katholische Theologe Wilhelm Damberg. Doch auch sie hätten nichts unternommen, um die Situation der ihnen anvertrauten Kinder zu verbessern.

Kirchenvertreter würdigten die Bochumer Studie vor Journalisten als „Pionierarbeit“. Gleichzeitig übten sie jedoch scharfe Kritik an Bund und Ländern, die die vom Runden Tisch Heimkinder empfohlene Einrichtung eines mit 120 Millionen Euro ausgestatteten Entschädigungsfonds weiter verzögerten. Davon sollten je 40 Millionen auf die beiden großen Kirchen, den Bund und die Länder entfallen. „Die Kirchen sind bereit, ihren Beitrag dazu zu leisten“, sagte der Vertreter der katholischen Bischofskonferenz am Runden Tisch, Johannes Stücker-Brüning.

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