Kirchentag : Merkels Leben in der DDR

Auf dem Kirchentag ist Kanzlerin Merkel bestens gelaunt. Für sie als Pfarrerstochter ist der Besuch auch ein bisschen wie ein Heimspiel. Die Kanzlerin gerät ins Plaudern - auch über die DDR als Unrechtsstaat.

Claudia Keller
277531_0_f977e4ba.jpg
Mehr reden? Angela Merkel.

BremenEs gebe ja Leute, die jetzt darauf hinwiesen, dass die Straßenverkehrsordnung in der DDR okay war, bemerkt Angela Merkel süffisant. Die Spitze zielt gegen Gesine Schwan, die am Samstag als Herausforderin von Horst Köhler antritt und mit Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung behauptete, die DDR sei kein Unrechtssystem gewesen. „Auch DDR-Heiratsurkunden hat man im Westen anerkannt“, fügt die CDU-Kanzlerin an und hat die Lacher im „AWD-Dome“ auf dem Messegelände in Bremen auf ihrer Seite.

Es ist Donnerstagvormittag, 11.30 Uhr, die Kanzlerin und der britische Historiker Timothy Garton Ash sprechen auf dem evangelischen Kirchentag über „Menschenwürde und Demokratie“. Das heißt, Garton Ash liefert die Stichworte, Merkel erzählt aus ihrem Leben. Mit der Straßenverkehrsordnung und den Heiratsurkunden würde sie nicht anfangen, wenn sie Jugendlichen erklären soll, was die DDR war. Die DDR sei ein Unrechtsstaat gewesen, klar. Es sei aber ein Fehler zu denken, das Leben sei nur Staat. Das Leben sei immer mehr als der Staat. Solange man nicht die Staatsdoktrin vom Primat der Arbeiterklasse infrage gestellt habe, sei man auch nicht in Konflikt mit dem Staat gekommen. „Und klar gab es schöne Dinge in der DDR und glückliche Eltern“, sagt Merkel, „auch die Weihnachtsbäume waren so schön wie im Westen, die wuchsen schließlich auch bei uns gut. Aber sobald man die Freiheit zu stark in Anspruch genommen hat, war alles beendet.“

Merkel ist bestens gelaunt, die zwei Stunden sind ein Heimspiel. Der Moderator stellt keine kritischen Fragen, das Publikum ist entzückt – bis auf einen Landwirt, der sich in den stillen Saal hinein immer wieder brüllend über Merkels Milchpolitik beschwert. Er wird dann aus dem Saal geführt, wobei Merkel beteuert: „Von mir aus kann der Mann ruhig bleiben, ich bin ja tolerant.“

Vermutlich liegt es an Merkels Witz, dass sie so gut ankommt bei den über 8000 Zuhörern. Vielleicht auch an ihrem Verständnis für die, die sich schwer tun mit der Freiheit im Westen und der Demokratie. Wer sich auf die Freiheit einlasse, merke schnell, dass man dazu auch im Westen Mut brauche, sagt die Kanzlerin. Wie weit lehne ich mich aus dem Fenster, wenn ich Karriere machen will?

Auch sie überlege, wie mutig sie sein soll, schließlich wolle sie wieder gewählt werden. Aber wenn keiner sich die Freiheit nehme, „entsteht unter freiheitlichen, demokratischen Bedingungen ein hohes Maß an Konformität“. Das sei nicht gut für die Demokratie. Beifall. Deshalb, bitte, sollten alle mal ihrem eigenen Freiheitsbedürfnis nachspüren! Langer Beifall.

Im Verlauf des Gesprächs, es plätschert nun etwas vor sich hin, geht es um die EU. Das Verhältnis der europäischen Staaten komme ihr manchmal vor wie das zwischen Männern und Frauen. Die Männer seien überrascht, dass die Frauen nicht mehr so nett zu ihnen seien wie vor 50 Jahren. Die Frauen heute hätten auch andere Pflichten. „Da nehmen sie sich eben auch die Rechte.“ Damit müssen die Männer leben. Timothy Garton Ash lächelt, der Moderator lacht, das Publikum klatscht. Wenigstens auf dem Kirchentag ist man sich darüber einig. 

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben