Kirchentag und G-7-Gipfel : Der Westen muss endlich neuen Mut fassen!

Die Kirchentagsbesucher und die Teilnehmer der G7 sind sich im Kern sehr nahe. Nach Irakkrieg, Weltwirtschaftskrise, NSA-Skandal und Russlands Krieg in der Ukraine ist es höchste Zeit, dass der Westen verkündet: Ich bin wieder wer! Ein Kommentar.

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Sie schwebt über allen und allem, Angela Merkel.
Sie schwebt über allen und allem, Angela Merkel.Foto: dpa

Wenn Menschen zusammenkommen, die sich sorgen um die Welt, die sie gestalten und verändern wollen, weil sie sich nicht abfinden mit all deren Übeln, und wenn diese Menschen das Gespräch suchen, einander zuhören und ohne Entscheidungsdruck das bloße Beisammensein als wertvoll erachten, dann ist entweder Kirchentag oder G-7-Gipfel. In diesem Jahr fällt beides zeitlich zusammen, was praktisch ist, weil auch die Mottos sich zum Verwechseln ähneln. „An morgen denken – gemeinsam handeln“, heißt das eine, „damit wir klug werden“ das andere.

Von Stuttgart nach Elmau zieht sich auch das Bedürfnis, die richtigen thematischen Akzente zu setzen im Blick auf die Zukunft. Der Hunger, die Armut, das Klima – Epidemien, Flüchtlinge, Cyber – Weltwirtschaft, Energieversorgung, Terror. Schon die Begriffe machen klar, dass es keine regionalen oder nationalen Lösungen für die aktuellen Großprobleme mehr gibt. Globalisierung ist ein Faktum, zu ihr in ein Ja-Nein-Verhältnis zu treten, sinnlos geworden. Darum wirkt die Bezeichnung „Globalisierungskritiker“ oder gar „-gegner“ ziemlich gestrig. Man denkt unwillkürlich an den Tramp Charlie, der im Film „Moderne Zeiten“ in die Zahnräder eben dieser gerät und am Ende im Irrenhaus landet.

Wer hat die Teilnehmer des G-7-Gipfels legitimiert, sich seit 1975 (damals noch G6, später mal G8) alljährlich zu treffen und, zumeist abgeschieden vom Rest der Welt, über gemeinsame Krisenbewältigungsstrategien nachzudenken? Keiner. Ein Mandat dafür haben sie nicht. Aber auch auf höchster Ebene existiert das Recht auf Versammlungsfreiheit. Und die Grundidee ist ja so einfach wie bestechend: Im Dialog und durch Gedankenaustausch wollen die Teilnehmer sich kennen- und perspektivisch hinzulernen. Kann denn reden Sünde sein?

Wer den Westen schwächt, spielt den Despoten in die Hände

Darüber hinaus teilen die Sieben ein Wertesystem, das man gemeinhin den „Westen“ nennt. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Humanität, die Verteidigung von Meinungs- und Religionsfreiheit: Das sind die Bande, die das Bündnis eint. Nicht immer in der Realität, aber stets in der Idealität. Wer den Westen stärken will, dient der Verbreitung dieser Werte. Wer ihn schwächt, spielt den Despoten in die Hände. Die Frage, vor der die G7 stehen, lautet folglich: Wie kann die Globalisierung genutzt werden, damit westliche Werte auch dort Einzug finden, wo sie bislang verpönt oder chancenlos waren?

In die Antwort darauf muss der Glaube an die Überzeugungskraft des Guten einfließen. Zumindest sollten sich Eigennutz (Cybersecurity, Antiterrorkampf, Energieversorgung) und Fernwohl (Armut, Klima, Flüchtlinge) die Waage halten. Wobei durch die Globalisierung auch zwischen diesen Bereichen keine Trennschärfe mehr besteht.

Kirchentagsbesucher und G-7-Teilnehmer setzen unterschiedliche Prioritäten. Aber im Kern sind sie sich sehr nahe. Das hohe Maß an Kongruenz der Themen, mit denen sie sich befassen, deutet auf ein ebenso hohes Maß an Wahrnehmungskongruenz über die Welt an sich hin. Ob politische Elite oder engagierte Gläubige – sie sprechen in derselben Sprache über dieselben Dinge. Und Angela Merkel ist in Stuttgart wie in Elmau präsent. Nach Irakkrieg, Weltwirtschaftskrise, NSA-Skandal und Russlands Krieg in der Ukraine ist es höchste Zeit, dass der Westen etwas neuen Mut fasst und verkündet: Ich bin wieder wer!

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