Kirgistan : Zwischen Wut und Hoffnung

Kirgistan soll eine neue Verfassung bekommen – die Bürger hoffen auf Frieden.

Benoît Finck[AFP]

Osch - Zwei Wochen nach den blutigen Unruhen im Süden des Landes haben die Kirgisen für eine Verfassungsänderung gestimmt, die das Land zur ersten parlamentarischen Republik in Zentralasien machen soll. Nach Auszählung von 41 Prozent der Wahlbezirke stimmten 89,8 Prozent für die Vorlage, 8,8 votierten dagegen. Die Beteiligung gab die Wahlkommission mit über 69 Prozent an. Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa sagte zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale : „Die neue Verfassung ist angenommen – ungeachtet der ständigen Attacken ihrer Gegner. Heute haben wir den Weg geebnet für eine wahre Regierung des Volkes.“ Das Referendum galt als wichtiger Test für den Rückhalt der Regierung.

Ausländische Beobachter kritisierten, dass die neue Führung des Landes das Referendum trotz der schweren Unruhen abhielt, die im Süden der einstigen Sowjetrepublik zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit eskaliert waren. Dabei kamen nach offiziellen Angaben mindestens 275 Menschen ums Leben. Die Regierung schätzt die Opferzahl jedoch zehnmal höher ein. Insgesamt waren laut Weltgesundheitsorganisation eine Million Menschen von der Gewalt „direkt oder indirekt betroffen“. Rund 300 000 Menschen flohen ins benachbarte Usbekistan, 700 000 verließen ihr Zuhause, um woanders Zuflucht zu suchen. Inzwischen sollen die meisten zurückgekehrt sein.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) befürchtete zum Referendum neue Gewalt und sandte aus Sicherheitsgründen keine Beobachter. Die Lage blieb allerdings ruhig.

Hoffnung und Wut waren konkurrierende Gefühle bei den Menschen im Hof der Leo-Tolstoi-Schule in Osch an diesem 32 Grad heißen Sonntag. Es kamen weit mehr als bei früheren Urnengängen: Fast die Hälfte der Wahlberechtigten des Bezirks hatte schon bis zum Mittag ihr Kreuzchen gemacht. „Ich habe mit Ja gestimmt, damit es keinen Krieg mehr gibt, damit wir alle gleich sind vor der neuen Verfassung“, sagt Israilowa Machbuba. Dann bricht sie in Tränen aus: „Bei uns ist alles abgebrannt, wir haben nichts mehr, keine Hilfe, und wir haben Angst, in die Stadt zu gehen“, sagt die Mutter von drei Kindern. „Wir leben auf der Straße, haben kein Geld und die Kinder haben Hunger. Wir wollen Frieden, das ist alles.“

Stabilität und Legitimität des Staates erhofft sich auch Suchurdin Abdulasis, Lehrer an der Tolstoi-Schule, von der neuen Verfassung. Der Verfassungsentwurf der seit dem Sturz des autoritären Staatschefs Kurmanbek Bakijew amtierenden Interimsregierung sieht eine Beschneidung der Machtbefugnisse des Staatschefs vor. Im September sollen Wahlen stattfinden. „Man muss Optimist sein“, sagt Abdulasis. Nicht alle in Osch teilen diese Zuversicht. „Ich habe nicht abgestimmt“, erklärt die junge Mutter Gulbachor Redschapowa: „Zu welchem Zweck?“ Die Behörden hätten ihr ein neues Haus versprochen. Doch: „Wir glauben ihnen nicht mehr.“ Benoît Finck, AFP

0 Kommentare

Neuester Kommentar