Politik : Klarstellung: Der Papst widerspricht Kardinal Ratzinger

Werner Raith

Mit einer vehementen "Klarstellung" hat Papst Johannes Paul II. während der Heiligsprechungszeremonie von 120 chinesischen Märtyrern am Montag den vor zwei Wochen ausgesandten Rundbief von Kardinal Josef Ratzinger "Dominus Jesus" weitgehend annulliert. Es gebe keinerlei "Abschätzigkeit" gegen andere Religionen, stattdessen aber das "aufrichtige Bedürfnis zum Dialog" mit allen Andersgläubigen. Ratzinger hatte unter anderem den Begriff "Schwesterkirchen" heftig angegriffen und betont, dass andere Konfessionen allenfalls "Tochterkirchen" der katholischen seien und das wahre Heil nur durch die römische Kirche kommen könne.

Der Papst, der lediglich den Anspruch der "Wahrheit in Christo", nicht aber, wie Ratzinger, die "alleinige Wahrheit" betonte, reagierte mit seiner Richtigstellung auf eine Welle von Protesten auf Ratzingers Brief: Innerhalb der Kirche meldeten sich die "Progressiven" etwa um den Mailänder Kardinal Martini, aber auch viele moderate Bischöfe mit scharfen Worten, außerhalb betonten etwa die Oberhäupter der jüdischen Gemeinden ebenso wie der orthodoxen Kirchen, dass die von Wojtyla so betonte "Aussöhnung" nun in weite Ferne rücke.

Aber auch die seit Ratzingers "Sprachregelung" sprießenden Erklärungen anderer konservativer katholischer Kirchenfürsten gegen nichtchristliche Religionen haben im Vatikan den massiven "Klärungsbedarf" ausgelöst: Bisheriger Höhepunkt des erneuerten katholischen Alleinanspruchs auf das Paradies war vorige Woche die Invektive des Erzbischofs von Bologna, Kardinal Giacomo Biffi, der das Verbot der Errichtung neuer Moscheen in Italien forderte und muslimische Immigranten pauschal verdächtigte, nur mit dem Ziel in den Westen zu kommen, ihren Glauben auch dem Abendland aufzudrücken.

Das Vorpreschen der Konservartiven um Ratzinger werten Vatikan-Beobachter als erneutes Zeichen des Ringens innerhalb der Kurie bei den Weichenstellungen um die Nach-Wojtyla-Zeit - und die Intervention des Papstes als Ausdrucks seines Unmuts über diese vorgezogenen Diadochenkämpfe: Johannes Paul II. ist offensichtlich entschlossen, die weltweite Anerkennnung seiner letzten Pontifikats-Phase als größter Versöhner nicht den Rangeleien innerhalb der Kurie zum Opfer fallen zu lassen - auch wenn dies am Ende zur Demission seines bisherigen obersten Glaubenshüters Ratzinger führen sollte.

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