Kleidervorschriften : Warum gibt es keinen Dresscode an Schulen?

Schuluniformen und Kleidervorschriften sind in einigen Ländern normal. Auch in Deutschland wird immer wieder über die Kleidung von Schülern diskutiert. Sollte es an deutschen Schulen einen Dresscode geben? Diskutieren Sie am Ende des Artikels mit!

Werner van Bebber

Je länger und stärker die Sonne scheint, desto interessanter wird an den Schulen das Thema Haut. Es ist ein strittiges Thema – zumal im Hinblick auf die Körperregionen, die oberhalb der Arbeitstische zu sehen sind. Wie viel Haut lassen Mädchen und junge Frauen sehen? Wie wirken junge Männer, die die Resultate regelmäßiger Arbeit im Kraftraum im Muscleshirt ausstellen oder ihre Hosen gern ausgebeult tragen? Und wie gehen Lehrerinnen und Lehrer damit um? Der Dresscode an Schulen wird regelmäßig diskutiert – spätestens seit eine 13-jährige Schülerin aus Niedersachsen im Juni 2003 republikweit bekannt wurde, weil sie im Bustier dem Unterricht folgen wollte, was die Schulleiterin zum Eingreifen brachte. Und immer geht es um die Frage: Wie viel Haut sieht man?

Dass solche Streitereien im Frühling und im Sommer entbrennen, liege nahe, sagt Oliver Dickhäuser, Professor für Pädagogische Psychologie in Mannheim. Dickhäuser hat sich jahrelang mit Schulkleidung befasst. Er benennt die Konfliktregionen alltagsnah und pragmatisch: Wenn Teile des Schülerpos zu sehen sind oder die gern getragene Tätowierung mit dem Namen „Arschgeweih“ oder eben auch gewagte Dekolletés, liegen Konflikte in der Klasse nah. Und es sind vor allem die Lehrer, die mit diesen Konflikten umgehen müssen.

Relativ sicher ist dabei nur eins: Schülerinnen und Schüler können sich, wenn ihnen die Schulleitung rigide Vorschriften machen will, auf das Grundgesetz und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit berufen. Schülerkleidung ist Privatsache – erst einmal. „Zur Sicherung des Schulfriedens und des Unterrichtsbetriebs kann die Schule Vorgaben machen, um provozierende oder störende Kleidung zu vermeiden“, heißt es bei der Berliner Senatsschulverwaltung. So könne beispielsweise das Tragen von Textilien der Firma Thor Steinar, die der rechtsextremen Szene zugeordnet wird, oder Militärkleidung untersagt werden. Möglich sei das auch bei „provozierender oder störender Kleidung wie durchsichtigen Blusen oder Hosen, die das halbe Gesäß sichtbar werden lassen“.

Die Betonung liegt auf „können“. Die Fachleute in Politik und Schulverwaltung gehen davon aus, dass strenge Vorschriften für einen Dresscode rechtlich kaum zu halten wären. Der Schüler, der im Muscleshirt auf dem Schulhof renommieren will, muss also pädagogisch angefasst und überzeugt werden, entweder dezent-direkt im Vieraugengespräch mit dem Lehrer – oder vor seinen Mitschülern. Wenn ihm etwa im Kunstunterricht bei der Arbeit mit Ton angeboten wird, man könne ihm gerne noch ein paar Kilo auf den Luxuskörper draufpacken.

Schüler, Bildungsfachleute und Politiker sagen einhellig, dass solche Fälle und Streitereien eher selten vorkommen. Cathleen Haack, Sprecherin des Landesschülerrats Brandenburg, weiß von Regelungen in diesem Zusammenhang allenfalls im Hinblick auf politisch-provokatives wie Thor-Steinar-Hemden oder T-Shirts rechtsextremer Musikgruppen. Dann sagt die 18-jährige Schülerin noch einen sehr wahren Satz zur Begründung dafür, dass viel weniger geregelt werden muss, als mancher meint: „Wir möchten uns ja nicht voreinander blamieren.“ Wenn man sich darstellen wolle, tue man das abends, im Club oder in der Disko.

Dass Klamottenkonflikte eher selten sind, mag auch damit zu tun haben, dass besonders stoffarme Mädchenmode (Stichwort bauchfrei) ohnehin nicht mehr en vogue ist und die Voraussetzungen zum eindrucksvollen Ausfüllen eines Muscleshirts eine Menge Zeit verlangen. Trotzdem werden Dresscodes debattiert. „Könnt ihr immer diesen Markenzwang erfüllen???“, heißt es in einer Berliner Schülerzeitung unter der Überschrift „Schuluniform“. Seit Jahren gilt einheitliche Schulkleidung als Gegenmittel wider den Kult um Markenmode. Zwangsweise durchzusetzen sind die Uniformen nicht – siehe „freie Entfaltung der Persönlichkeit“. Allenfalls durch Beschluss der Schüler- und Elternmehrheit kann man sich an einer Schule verständigen, dass bestimmte T-Shirts oder Sweatshirts zur Schulkleidung werden sollen. Schulen in Hamburg, Berlin und Potsdam haben damit angeblich gute Erfahrungen gemacht. Wissenschaftliche Belege für die positive Wirkung hat Professor Dickhäuser aber nicht finden können.

Diskussionsbedarf sehen außer den Schülern auch Bildungspolitiker – mag die Mode auch dezenter geworden sein. Wolfgang Schimmang, Bildungsstadtrat im Berliner Bezirk Neukölln, hört, wie er sagt, von immer mehr Lehrerinnen, dass inzwischen schon die Mädchen in der Grundschule – oder deren Mütter – von einem übermäßigen Drang zum Styling befallen seien. Da würden für die Schule zum Beispiel die Fingernägel lackiert, sagt Schimmang, und: „Ich weiß nicht, ob zehnjährige Mädchen – Achtung: auch Jungen! – eingefärbte Haarsträhnen haben müssen.“

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