Politik : Kleine Warnung vor dem Ergebnisgebet

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Beten, huui. Das ist ein ernstes Medium, das mit großer Vorsicht angewendet werden will. Wir Angehörigen älterer, stark protestantisch geprägter Generationen wissen: Gott hört sich alles persönlich an, macht die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung zur Chefsache. Und wenn ein im Gebet geäußerter Wunsch nicht echter Seelenpein entspringt, sondern von nackter Gier oder unziemlicher Hoffart getrieben wurde, dann ist die Gefahr groß, dass ER aus pädagogischen Gründen exakt das Gegenteil eintreten lässt.

Nun ja, das ist jedenfalls so der Wissensstand von 1970. Seither scheint sich aber allerhand geändert zu haben im Gebetewesen. Sie sind droben beternäher geworden und fühlen die Konkurrenz auf den Fersen, die nahezu jeden Hans oder Franz zum Schnupperbeten einlädt und wie ein Abo-Werber ein paar kleine Wünsche sofort erfüllt, die der christliche Gott nicht mal ignoriert hätte. Deshalb ist es folgerichtig, dass der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland ganz amtlich mitteilt: Beten für die Nationalelf, das ist voll okay.

Nein, keine falschen Hoffnungen! Wir alle dürfen nun zwar im Zwiegespräch mit dem Herrn beiläufig einflechten, dass wir uns von Herzen ein 2:1 gegen Schweden wünschen, gern auch höher, und dass die Argentinier danach einen rabenschwarzen Tag erwischen mögen. Aber es gibt keine Erfüllungsgarantie. Der Präses nennt dafür einen verständlichen Grund: Was sollte Gott denn tun, wenn ihn die Schweden und die Deutschen gleichermaßen um Fußballglück bitten? Stimmen auszählen?

Wir lernen bei dieser Gelegenheit eine kleine philosophische Lektion über das Kräfteverhältnis von Gott und Fußball. Zwei Mannschaften in einem Spiel gleichzeitig gewinnen lassen, das schafft nicht einmal der Allmächtige. (Franz Beckenbauer, mag sein, aber der geht bei Gebeten nicht ans Handy.) ER muss sich also entscheiden und wägt ab: Ist der Gebetswunsch womöglich von der Absicht getragen, einen fetten Wettgewinn einzufahren? Oder kommt er ohne Vorbehalt aus reinem, fröhlichem Herzen?

Der Präses rät daher ab vom Ergebnisgebet und schlägt allgemeine, positive Formulierungen vor: Herr, gib, dass unsere Jungs besonders fleißig trainieren! Das ist absolut unbedenklich und kann gern durch den Wunsch bekräftigt werden, die Fröhlichkeit der WM möge uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Dass das nur geht, wenn die Deutschen ins Endspiel kommen, müsste Gott eigentlich begreifen, nicht wahr?

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