Politik : Kleines Bonn, große Aufgaben

Bei der Eröffnung des UN-Campus am Rhein lobt Annan Deutschlands internationales Engagement

Ingrid Müller[Bonn]

Bonn - Mit ein bisschen gutem Willen kann man ihn den kleinen Bruder nennen. Der „Lange Eugen“, der seit Dienstag Zentrum des neuen UN-Campus in Bonn ist, bringt es auf immerhin 117 Meter und 29 Etagen, er liegt wie die Zentrale der Vereinten Nationen (UN) in New York direkt am Wasser und war bei seiner Einweihung Ende der sechziger Jahre das höchste Gebäude der Stadt am Rhein. Inzwischen überragt der Post-Tower das ehemalige Abgeordnetenhaus zwar um einiges, aber beim kleinen Bruder geht es immer noch sehr viel gemütlicher zu als an der First Avenue. Da lässt sich Bundesumweltminister Sigmar Gabriel noch schnell beim Kiosk am Schiffanleger zwischen radelnden Touristen Kaffee und Brötchen schmecken, bevor er bei der Eröffnungsfeier im alten Plenarsaal des Bundestags den UN-Generalsekretär Kofi Annan mit den Worten begrüßt: „Das soll hier Ihr zweites Zuhause werden oder Ihr drittes oder viertes.“

Gabriel hofft, dass mit den zwölf kleineren UN-Organisationen, die sich in den vergangenen zehn Jahren in Bonn angesiedelt haben, noch nicht Schluss ist. Nächstes Projekt: „UN Water“. Schließlich sind im früheren Abgeordnetenhochhaus noch drei Etagen frei, und nach dem Umbau des früheren Bundeshauses für das Klimasekretariat wird noch mehr Platz sein. Der Generalsekretär versucht sich dann fast etwas schüchtern an diesem sperrigen deutschen Wort „Langer Eugen“ und lächelt dabei ins Rund des Saals. Von der Kantine im obersten Stock des denkmalgeschützten Gebäudes wird er später beim Empfang den Ausblick aufs Siebengebirge genießen. Der karierte Teppich dort musste extra in England gewebt werden, denn die deutschen Webstühle waren zu klein. „Wir fühlen uns hier zu Hause“, versichert Annan. Bonn sei einer der lohnenswertesten und attraktivsten Standorte der UN.

Schließlich zählt er auch die Bereiche in der großen Politik auf, in denen Deutschland eine aktive Rolle spielt: Afghanistan, Balkan, Kongo. Es gebe wohl nur eine begrenzte Zahl idealer Mitgliedstaaten, „und Deutschland ist ein solcher“, lobt Annan. Deutschland spiele eine Führungsrolle bei der UN-Reform. Dazu gehöre, dass die Struktur des Sicherheitsrates an die „neuen Realitäten“ angepasst und demokratischer werden müsse. Es sei „nicht akzeptabel, dass wichtige Länder und Regionen nicht mit am Tisch sitzen, obwohl wir uns immer an sie wenden, wenn es Probleme zu lösen gibt“. Hört sich so die Empfehlung zur Aufnahme Deutschlands als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat an? „Bitte bringen Sie mich da nicht in Schwierigkeiten“, weist Annan die Frage von sich. Dies sei Sache der 192 Mitgliedstaaten.

Die sollten nach Ansicht der Bundeskanzlerin bei den Reformbemühungen ein wenig Tempo machen. Es habe keinen Sinn, Jahrzehnte über Ideale zu diskutieren, irgendwann müsse man auch vorankommen, rief sie den Festgästen zu. Die UN müssten zu der Kraft entwickelt werden, die in Konfliktfällen die Autorität habe zu handeln. Wohl auch um dieses Handeln zu unterstützen, sagte Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek- Zeul dem UN-Generalsekretär zusätzliche 50 Millionen Euro in diesem Jahr für die weltweite Arbeit zu.

Zuvor hatte Angela Merkel den Tag der Eröffnung des Campus mit seinen inzwischen gut 600 Mitarbeitern einen Meilenstein in der Mitgliedschaft Deutschlands in den UN genannt. Es sei heute ausdrücklicher Wunsch der Bundesregierung, den UN-Standort Bonn mit dem Schwerpunkt Umwelt und Entwicklung weiter auszubauen. Beim Thema UN-Mission zum Stopp des Mordens im sudanesischen Darfur machte die Kanzlerin dem Besucher aus New York keinerlei Zusagen. Deutschland konzentriere sich derzeit absolut auf den Kongo, erklärte sie.

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