Klima-Experte Dirk Messner : "Wir können die kleinen Inseln nicht mehr retten"

Der Klimawandel bedroht die globale Sichereit, das war das Thema einer Konferenz, die in Freiburg stattfand. Tagesspiegel.de hat mit dem Politikwissenschaftler Dirk Messner über verdurstende Städte, untergehende Inseln und Hungerflüchtlinge gesprochen.

BerlinIst das Szenario von Kriegen durch die Klimaerwärmung eine reale Gefahr - es klingt ziemlich übertrieben?


Dirk Messner
Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. -Foto: privat

Wir reden eher nicht von Kriegsgefahren, sondern davon, dass ganze Staaten und Regionen destabilisiert werden könnten. Da stehen weniger Kriege im Mittelpunkt, sondern fragile und scheiternde Staaten. Für diese Staaten wird es einen deutlich Umweltstress geben, der zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen führt. Wir haben das anhand unterschiedlicher Konflikt-Konstellationen untersucht. Zum Beispiel haben wir uns das Thema Wasser angesehen und festgestellt, dass wir in den meisten Regionen auf der Welt keine Wasserprobleme haben. In Afrika gibt es zum Beispiel wirtschaftliche und soziale Probleme - aber es ist genug Wasser da. Ab 2030 dürfte das Wasser in Afrika, aber auch in Lateinamerika knapp werden.

Sind das Einzel-, Härtefälle?

Nein, das sind keine punktuellen Erscheinungen mehr, sondern ganze Regionen sind davon betroffen. Wenn das der Fall ist und die Menschen keinen Zugang zu Wasser mehr haben, dann werden sie sich zuerst um das Wasser streiten. Wenn keine Lösung gefunden wird, werden viele Menschen flüchten. Also setzt hier Migration ein. Das führt zu einer Destabilisierung von Regionen und Staaten.

Also wir haben Flüchtlingsströme, aber auch Konflikte. Welche Folgen hat die Migration?

Durch die Migration entsteht erstmal Druck in den Nachbarländern. Und da die betroffenen Regionen zu den ärmsten und schwächsten gehören, werden auch diese Länder destabilisiert. Wenn die Menschen aus Mittelamerika nach Südamerika wandern, dann können ethnische, religiöse und soziale Probleme entstehen. In diese Konflikte werden nicht ein paar hundert oder ein paar tausend, sondern sehr viele Menschen involviert sein. Wir stehen vor einer großen Herausforderung.

Von welcher Größenordnung sprechen wir hier?

Ich möchte die Wasserproblematik in Peru als Beispiel anführen. In der Hauptstadt Lima leben sieben Millionen Menschen. Zu 95 Prozent hängt deren Versorgung mit Wasser von den Anden-Gletschern ab. Wenn wir den Klimawandel nicht stoppen können, dann werden wir 2050 von diesen Gletschern nicht mehr allzu viel sehen. Die Folge ist: Lima geht das Trinkwasser aus. Um die Stadt herum haben wir tausend Kilometer Steinwüste, da gibt es kein Wasser. Wo werden die sieben Millionen Menschen hin gehen? Und Lima ist kein Einzelfall. Wir haben auf der Welt dutzende Städte, die in ähnlicher Weise von Gletscherwasser abhängen.

Haben wir noch andere Probleme rund ums Wasser?

Ja, da haben wir noch den steigenden Meeresspiegel. Der erhöht sich schneller, als der Bericht des Weltklimarates prognostiziert hat. Das Eis in der Arktis schmilzt schneller ab, als es in den Modellen bisher berechnet wurde. Es gibt hier anscheinend Beschleunigungsmechanismen die bisher noch nicht erfasst wurden. Wenn der Meeresspiegel um 50 Zentimeter steigt, würden im Nildelta in Ägypten sieben Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen, denn Landwirtschaft wäre dort dann unmöglich. Im Gangesdelta in Indien und Bangladesh hätten wir es sogar mit 80 Millionen Menschen zu tun - es geht also um eine enorme Zahl von Menschen, deren Lebensgrundlage zerstört werden könnte, wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen.

Wo finden wir denn die Konflikte der Zukunft?

Wir werden in jeder Region der Welt Probleme von größerem Ausmaß sehen. In Afrika werden wir Trinkwasserprobleme und einen Rückgang der Ernteerträge sehen. An der Ostküste Afrikas kommen noch zunehmende Hurrikans hinzu. In Lateinamerika bekommen wir ernsthafte Wasserprobleme. Für diese Region wird das ein ganz neues Problem, da die Länder bisher überhaupt keine Probleme mit dem Wasser haben. Der Kontinent muss sich auf dieses Problem ganz neu einstellen. Wir werden Bodenprobleme in Indien sehen, aber auch in China. Ein Hot-Spot ist Zentralamerika, weil dort drei Phänomene zusammenkommen: Wasserverknappung, Boden- und Hurrikanprobleme.

Inwiefern Wasserprobleme?

Die Region wird von heftigen Regenfällen betroffen sein, gefolgt von starken Trockenperioden. Das spült die Böden aus, was Nahrungsanbau extrem schwierig macht.

Wann gehen denn die kleinen Inselstaaten unter, die vor 15 Jahren bereits einen aktiven Klimaschutz gefordert haben?

Zu der Zeit haben wir im wesentlichen über diese kleinen Inselstaaten gesprochen. Stand des Wissens ist heute: Wir können diese Inseln nicht mehr retten. Ab etwa 2030 müssen diese Inseln geräumt werden. Aber es ist nicht wie wir angenommen haben, das Kernproblem. Wir stellen jetzt fest, dass die Umweltwirkungen des Klimawandels und deren Auswirkungen auf Gesellschaften und Ökonomien viel weitreichender sind.

Gibt es bereits Kriege, die durch die globale Erwärmung verursacht wurden?

Wir haben in der Vergangenheit eine Vielzahl von umweltgetriebenen Konflikten gesehen. Aber das waren immer lokal begrenzte Konflikte und Auseinandersetzungen, von denen nur etwa einige tausend oder vielleicht zehntausend Menschen betroffen waren. Die zukünftigen Konflikte, über die wir nun reden, sind von der geographischen Ausdehnung viel größer und betreffen viele Menschen. Das macht den gravierenden Unterschied aus.

Sind diese Auswirkungen des Klimawandels überhaupt noch verhinderbar - schließlich sprechen wir von einem sehr trägen System.

Das Kernproblem für die Politik ist, dass es sich um Zeithorizonte von zwanzig, dreißig, vierzig Jahren handelt. Für Politiker ist das ein langfristiges Problem. Aber wir haben nur noch zehn Jahre Zeit, um den Klimawandel noch abzumildern. Wenn die Politik nicht unmittelbar reagiert wird der Bremsweg zu lange. Ansonsten wird die Temperaturerhöhung bei drei bis vier Grad am Ende des Jahrhunderts liegen. So wie sich die Atmosphäre bereits zusammensetzt, geht die Temperaturerhöhung schon an die Zwei-Grad-Grenze heran. Und ab dieser Grenze treten diese Phänomene verstärkt auf: verstärkte Wüstenbildung, Anstieg des Meeresspiegels oder höhere Hurrikanhäufigkeit. Das was gelingen muss, ist eine globale Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2050 um 50 Prozent, für die Industrieländer 80 Prozent. Denn eine wirksame Klimapolitik ist also unmittelbar auch eine präventive Sicherheitspolitik.

Das Interview führte Amir El-Ghussein


ZUR PERSON

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk Messner ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderung der Bundesregierung.

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