Politik : Klimagipfel: Atomkraft für die Atmosphäre?

Matthias Thibaut

British Nuclear Fuels (BNF), der britische Betreiber der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield und einer Reihe alternder britischer Atommeiler, hat Pläne für sechs neue Atomkraftwerke im Vereinigten Königreich in der Schublade. Sie würden an den Betriebsorten der bestehenden Magnox-Reaktoren gebaut werden, deren Schließung bis 2010 ansteht. Die neuen Meiler sollen billiger und - anders als die bisherigen britischen Atomkraftwerke - profitabel sein und auch mit dem billigen Gas konkurrieren können, das heute noch den Löwenanteil der britischen Stromproduktion stellt.

Die Kraftwerke der AP 600-Serie würden in einer Rekordzeit von 36 Monaten erstellt. Synergieeffekte entstünden durch die Fließbandproduktion, Eine weitere Gruppe des Typs soll in den USA gebaut werden. Die Meilerdesigns stammen von dem amerikanischen BNF Partner Westinghouse.

Vor ein Paar Monaten noch wären solche Pläne als Träumereien des britischen Atomkonzerns abgetan worden. Das Kerngeschäft von BNF, die Wiederaufbereitung in Sellafield, ist seit Jahren in der Dauerkrise. Der Konzern fährt Verluste ein und die Privatisierung musste mehrfach verschoben werden. Viele Beobachter haben die britische Atomindustrie bereits für tot erklärt. Doch seit Premier Tony Blair einen kabinettsinternen Bericht über die britische Energieversorgung in den nächsten 50 Jahren angefordert und den der Atomindustrie aufgeschlossenen Brian Wilson zum Energieminister ernannt hat, wittern die britischen Atomstromerzeuger wieder Morgenluft.

Der Energiebericht soll den Energiebedarf des Vereinigten Königreichs "im Kontext der Herausforderungen der Klimaerwärmung" feststellen und eine Versorgung aus "sicheren, diversifizierten und verlässlichen Quellen zu einem wettbewerbsfähigen Preis" sicherstellen. Blair hat Angst, dass eine Versorgungslücke in ein paar Jahren zu Stromausfällen wie in Kalifornien führen könnte, vor allem weil die britischen Öl- und Erdgasvorräte in der Nordsee zurückgehen. Schon in fünf Jahren dürfte das Vereinigte Königreich wieder mehr Öl importieren als exportieren und die Einfuhr von Erdgas soll bis 2006 von derzeit 2 auf 15 Prozent der Gesamtmenge steigen. Großbritannien will vermeiden, von Ländern wie Algerien, Iran and Russland abhängig zu sein.

Die Suche nach alternativen Energiequellen hat Großbritannien angesichts seiner eigenen Öl- und Gasvorräte in den letzten Jahrzehnten eher nachlässig betrieben. Bei einer Hochrechnung der gegenwärtigen Energiepolitik läge der Anteil aus umweltfreundlichen, erneuerbaren Quellen wie Sonne und Wind auch im Jahre 2020 immer noch bei nur 4,4 Prozent. Im letzten Jahr hatte eine "Royal Commission" einen Schadstoffbericht erstellt. Darin heißt es, Großbritannien brauche 50 neue Atomreaktoren, wenn es seinen Energiebedarf decken will, ohne weiter zur Klimaerwärmung beizutragen.

Gleichzeitig brauche man 200 Windfarmen vor der Küste, 7500-Wellen-Generatoren und ein Gezeitenkraftwerk am Severn-Fluss. Allerdings betont der Bericht auch, dass eine Erhöhung des Atomenergieanteils erst möglich sei, wenn eine akzeptable Lösung für Nuklearabfälle gefunden sei.

Laut einem Greenpeace erst vergangene Woche zugespielten Bericht wird die radioaktive Verseuchung im Gebiet von Sellafield fürs erste allerdings weiter ansteigen - entgegen Versicherungen der Labour-Regierung. Plutonium- und Tritium-Werte werden ihren Höchststand erst 2003 erreichen und bis 2008 über den Werten von 1998 bleiben.

Doch sind die Briten in der Atomfrage immer gelassen geblieben. Eine Atomdebatte im deutschen Stil hat es nie gegeben. Bis heute rumpelt, ohne Aufsehen, der wöchentliche Zug mit dem Atommüll aus Kent mitten durch London zur Wiederaufbereitungsanlage Sellafield.

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