Politik : Klimagipfel: Mit dem Holzhammer

Ulrike Fokken

Nachts um Eins konnte Konferenzpräsident Jan Pronk nicht mehr. Er konnte nur noch lachen und "Amen" sagen. Der Vertreter des Sudans hatte gerade eine minutenlange komplizierte Rede gehalten. Auf Arabisch, was unter den Teilnehmern aus 180 Staaten der Klimakonferenz als unhöflich und letzter Aufschrei der Verzweiflung eines Landes gilt. Der Dolmetscher verzweifelte auch an dem Wortschwall und konnte schließlich nur noch "Jesus" in das Mikrophon stöhnen.

Zum Thema Rückblick: Der gescheiterte Klimagipfel in Den Haag Das Amen von Pronk kam zu früh. Er musste noch neun Stunden weiter verhandeln bis er die widerspenstigen Staaten dazu gebracht hatte, der Übereinkunft von Bonn zuzustimmen. Dabei hatte er schon den ganzen Sonntag mit ihnen geredet. Einige arme Länder aus der so genannten Gruppe 77 wollten dem mühsam gefundenen Kompromiss nicht mehr zustimmen, wenn sie nicht das ganze Geld aus den Technologiefonds bekommen. Die unterentwickelten Länder wollten es nicht einsehen, dass auch die Erdölstaaten der Opec aus dem Fonds subventioniert werden, um ihre einseitige Wirtschaft umzustrukturieren. Und sie wollten Einfluss in der Überwachungsinstitution für die Reduzierung der Emissionen in den Industrieländern.

Hektische Telefonate mit Tokio

Den Japanern war den ganzen Tag über schon etwas neues eingefallen, um nicht mitzumachen. Mal wollten sie doch noch den Bau von Atomkraftwerken in anderen Ländern als eigene Kohlendioxid-Emissionen angerechnet bekommen. Hektisch haben die Japaner mit Tokio telefoniert, um ihre drei Vorschläge abzustimmen. Sie wollten nicht in den Fonds für die Entwicklungsländer einzahlen, und sich schon gar nicht von ihnen überwachen lassen. Wo kommt Japan da hin, wenn die emissionsarmen Staaten die Treibhausheizer überwachen. Schließlich haben die Entwicklungsländer damit ein Knebelargument in der Hand, selbst an den Emissionen zu verdienen: Für jene Treibhausgase, die die Industriestaaten nicht einsparen, können die armen Länder Rechte für CO2 Einsparungen verkaufen.

Nein, die japanische Umweltministerin Yoriko Kawaguchi blieb in der Nacht auch bei der Überwachung der Verminderungen und den daraus folgenden Sanktionen unerbittlich. Erst in den frühen Morgenstunden bewegte sich Kawaguchi und stimmte dem zweiten Kompromiss zu.

Dann dauerte es immer noch Stunden, bis auch die Kanadier und die Australier weich waren. Mit der japanischen Delegation konnte Jan Pronk immerhin verhandeln. Kawaguchi spricht fließend Englisch. Außerdem kennt sie sich in dem Thema aus, weiß um die Unterschiede der einzelnen Verhandlungspapiere und versteht den Sinn der Paragrafen. Das haben die Russen nicht, berichten Verhandlungsteilnehmer mehrerer europäischer Staaten. Der russische Verhandlungsführer Alexander I. Bedritsky verstehe überhaupt nicht, um was es geht, klagten entnervte Verhandler aus der EU. "He is not in a good mood", sagte einer von ihnen sarkastisch, als Bedritsky wieder einmal für zwei Stunden den Verhandlungssaal verlassen hatte.

Was er in der Zeit machte, wusste niemand aus den anderen Delegationen, aber nach Moskau telefoniert hat er wohl nicht. Denn mit der Regierung in Moskau stand Bedritsky offenkundig während der Tage nicht in Kontakt. Kein Wunder: Er leitet das Amt für Wetterkunde und Umweltbeobachtung, eine Art Wetterdienst. "Als wenn Deutschland Jörg Kachelmann geschickt hätte", sagte ein Delegationsteilnehmer. So jemand konnte nicht zustimmen. Deswegen sauste der helle Holzhammer von Jan Pronk auch ruckzuck auf den Holzblock, als er nach Gegenstimmen im Plenum um 12.02 Uhr am Montagmittag fragte. "I do not see any objections" und mit klirrenden Knall bestätigte Pronk die Annahme der Vereinbarung ohne einmal in den Saal geschaut zu gaben, geschweige denn eine Antwort abzuwarten.

Trittins kurzes Ringen

Die Mitglieder der deutschen Delegation hatten Gänsehaut in dem Moment. Vor Freude, nicht vor Erschauern. Schließlich hatte Umweltminister Jürgen Trittin in der ersten langen Nacht der Klimakonferenz von Samstag auf Sonntag kurz mit sich gerungen, ob er dem Kompromiss von Pronk zustimmen kann. Aber, so berichten die Verhandler aus den europäischen Ländern, habe er sofort die einmalige Chance des Papiers entdeckt. Nur ein Mal hätte die Weltgemeinschaft die Gelegenheit, die völlige Zurückhaltung der USA zu nutzen, argumentierte Trittin und überzeugte. Die britische Umweltministerin Beckett und der Belgier Deleuze unterstützten ihn, und so brauchten die 15 Umweltminister der EU-Staaten nur 45 Minuten, um sich auf den Pronk-Vorschlag zu einigen. Sie hatten nur eine Bedingung an Pronk: Dass der Kompromissvorschlag nur mit Ja oder Nein abgestimmt wird. Dem stimmte Pronk zu. So war er die Sorge um die eifrigsten Klimaschützer der Welt zu Beginn der Dauerverhandlungen los. Aber er hat sich das Engagement der Europäer für das Klima gemerkt. "Sie und ihre Kollegen haben dafür gesorgt, dass Europa grüner wird", sagte Pronk zu EU-Verhandlungsleiter Deleuze. Da hatten nicht nur die Deutschen Gänsehaut.

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