Politik : Klimagipfel: Von der Tugend zur Pflicht

Malte Lehming

Langsam ändert sich immerhin der Ton. George W. Bush hat es offenbar satt, in allen Umfragen als der größte Umweltsünder aller Zeiten gebrandmarkt zu werden. In dieser speziellen Frage geben die Amerikaner ihrem Präsidenten seit Wochen die schlechtesten Noten. "Energiesparen ist eine Pflicht", hat Vizepräsident Dick Cheney daher am Montag in Philadelphia gesagt. Das allerdings ist nicht ganz richtig. Denn Cheney hat es von seiner Frau Lynne sagen lassen, weil er selbst an einer Kehlkopfentzündung leidet. Aber es war seine Rede. "Wir müssen in unserem Energieverbrauch effizienter werden", hieß es weiter.

Solche Sätze sind neu, fast sensationell. Noch im April, als Cheney den Energieplan seiner Regierung verkündete, verspottete er Energiesparen als "persönliche Tugend", die keine Grundlage sein könne für eine "gesunde, umfassende Energiepolitik". Damals malte die US-Regierung noch ein zweifaches Schreckgespenst an die Wand. Ohne neue Ölbohrungen, zur Not auch in Naturschutzgebieten, würden die Benzinpreise gewaltig steigen, hieß es. Ohne neue Kraftwerke, zur Not auch nuklear betriebene, werde es bald im ganzen Land zu Stromengpässen wie in Kalifonien kommen. Seitdem freilich sind zwei kleine Wunder geschehen: Der Benzinpreis ist um mehr als 50 Pfennige gesunken, und in Kalifornien hat es keinen einzigen Stromausfall gegeben. Richtig dramatisch scheint die Lage nicht zu sein.

Energie lässt sich tatsächlich sparen, besonders im Straßenverkehr. Zu dieser Erkenntnis ist jetzt eine 13-köpfige Bundes-Kommission gekommen, deren Mitglieder von der Akademie der Wissenschaften ernannt worden waren. Das berichtete am Dienstag die "New York Times". Durch den Einsatz neuer Technologien, schreiben die Verfasser, ließe sich vor allem der Benzinverbrauch der so genannten Sport Utility Vehicles (SUV) senken. Das sind jene megagroßen Familienkutschen, die in Amerika ungemein beliebt sind und erheblich dazu beigetragen haben, dass der durchschnittliche Benzinverbrauch seit mehr als zehn Jahren ständig gestiegen ist. Die gesetzlichen Vorschriften wiederum, die den Automobilherstellern Verbrauchs-Obergrenzen vorschreiben, sind in den USA seit 1984 praktisch konstant geblieben. Ein normaler PKW darf etwa neun Liter Benzin auf 100 Kilometer verbrauchen, ein SUV dagegen 12 Liter.

Bush hat angekündigt, die Ergebnisse dieser Studie bei seiner Entscheidung zu berücksichtigen, ob er den Automobilherstellern neue Verbrauchs-Obergrenzen setzt. Bemerkenswert ist der Bericht aber auch deshalb, weil sich unter den Kommissions-Mitgliedern kein einziger Umweltschützer befindet. Es sind überwiegend Ingenieure und ehemalige Mitarbeiter der Automobil- und Ölindustrie. Innerhalb der nächsten sechs bis zehn Jahre, so heißt es in dem Bericht weiter, könnte der durchschnittliche Wagen-Typ mit derselben Benzinmenge etwa 20 Kilometer weiter fahren als heute. Die Kosten für die Umrüstung der Autos, die durch den Einsatz der neuen Technologien erforderlich wäre, würden durch den geringeren Benzinverbrauch bequem wieder eingespart. Umweltschutz lohnt sich so auch finanziell: Mit diesem Argument lassen sich sogar Amerikaner überzeugen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben