Klimagipfel : Warten auf Obama

In Kopenhagen hat der Klimagipfel begonnen – alle Hoffnungen ruhen auf dem US-Präsidenten.

André Anwar[Kopenhagen],Dagmar Dehmer[Berlin]
Klimagipfel
Volles Haus. 15.000 Delegierte verhandeln bis zum 18. Dezember in Kopenhagen über ein neues Klimaabkommen. -Foto: AFP

Das im entlegenen Süden der dänischen Hauptstadt gelegene 77 000 Quadratmeter große Kongresszentrum Bella Center glich zur Eröffnung der UN-Weltklimakonferenz „COP15“ am Montag einem Fort Knox und dem Durcheinander eines aufgebrachten Bienenstock zugleich. Stacheldraht und massive Betonblöcke zierten die Straßen nach Osten und Westen. Noch nie hat das nur 4,5 Millionen Einwohner zählende Dänemark ein so großes Ereignis beherbergt. 6500 Polizisten mussten zusammengezogen werden, Hubschrauber und weitere Ressourcen mussten zusätzlich von der anderen Seite des Öresunds bei der schwedischen Polizei angefordert werden.

Trotz akribischer Vorbereitungen konnte die Eröffnungszeremonie erst mit 40 Minuten Verspätung beginnen. Bevor die Gastgeber, der dänische Ministerpräsident Lars Lokke Rasmussen und Kopenhagens Bürgermeisterin Ritt Bjerregard, die Bühne einnahmen, wurde den wartenden Delegierten ein von dramatischer Musik untermalter Film zu den Folgen des Klimawandels gezeigt. Zu sehen waren unter anderem Kinder, die ihre Heimat verlassen müssen.

„Der Klimawandel kennt keine Grenzen, er betrifft uns alle“, sagte Rasmussen dann in seiner Eröffnungsrede. Die Klimakonferenz sei „Hoffnungsträgerin der Menschheit“. Die Kopenhagener Bürgermeisterin beschrieb daraufhin, wie Kopenhagen in eine CO2-neutrale Stadt verwandelt werden soll. Im Hafen könne man schon jetzt bedenkenlos schwimmen gehen, so rein sei das Wasser, erklärte sie nicht ohne Stolz.

UN-Klimasekretär Ivo de Boer forderte die Teilnehmer auf, den Weg für konkret greifende Klimaschutzmaßnahmen zu bereiten. Ansonsten werde der Gipfel ein Misserfolg sein, sagte er. Die Teilnehmer müssten „praktische und solide Vorschläge“ liefern. Vor allem die Entwicklungsländer erwarteten ein „spürbares und unverzügliches Vorgehen“ gegen die Erderwärmung. Die dänische Umweltministerin und Konferenzvorsitzende Connie Hedegaard versprach eine transparente Verhandlungsführung, was ein Repräsentant aus Papua Neuguinea umgehend aufgriff, um eine Debatte über das Konferenzprogramm anzuzetteln. Er kritisierte die Machtverhältnisse und Beschlussmechanismen der Konferenz, die aus seiner Sicht kleine Länder benachteiligten. Erst nachdem sich Repräsentanten mehrerer Staaten in die Diskussion eingeschaltet hatten, konnte die Eröffnungszeremonie fortgesetzt werden.

In vielen Ländern liegen die Nerven blank, denn viele bekommen den Klimawandel längst zu spüren. Insgesamt aber war die Stimmung in Kopenhagen am Montag optimistisch. Getragen wurde sie vor allem von der Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, an den Schlussverhandlungen teilzunehmen.

Auch außerhalb des Bella Centers, wo sich große und kleine Umweltschutzorganisationen und Unternehmen aus der ganzen Welt mit Veranstaltungsangeboten nahezu überschlagen, wurde der Besuch Obamas als Hoffnungsschimmer gewertet. „Hopenhagen“ (Hoffenhagen) heißt dementsprechend ein buntes, symbolische Häuser und Straßen beinhaltendes Dorf auf dem Rathausplatz. Hopenhagen ist Teil einer Kampagne, um die Teilnehmerstaaten zu bindenden Abkommen zu bringen. „Ich erwarte viel von Obama. Klingt so, als ob wir uns etwas mehr als nur Lippenbekenntnisse erwarten können. Sonst würde er nicht zu den Verhandlungen kommen“, sagt eine junge amerikanische Aktivistin.

Auch der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans- Joachim Schellnhuber, schätzt die „Dynamik der aktuellen Klimadebatte sehr positiv“ ein. Und auch er setzt vor allem auf Barack Obama. Dass der amerikanische Präsident jetzt doch in der entscheidenden Schlussphase der Verhandlungen in Kopenhagen anreist, sei ein gutes Zeichen. Allerdings schränkt Schellnhuber ein, dass all die Angebote zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen, die in den vergangenen Tagen von bisher unwilligen Staaten auf den Tisch gelegt worden seien, die Welt noch immer auf einen Erwärmungspfad von 3,5 bis 3,8 Grad bringen würden – also weit entfernt von den zwei Grad, die er und die meisten anderen Klimaforscher für gerade noch beherrschbar halten. Schellnhuber hofft, dass durch den Kopenhagener Gipfel zumindest die Chancen gewahrt bleiben, noch auf einen Zwei-Grad-Pfad zu kommen. „Das wäre das Mindeste“, sagte Schellnhuber dem Tagesspiegel.

Zu den entscheidenden Schlussverhandlungen in Kopenhagen am 17. und 18. Dezember haben sich Staats- und Regierungschefs aus 110 Ländern angekündigt. Insgesamt nehmen an der bis zum 18. Dezember laufenden Konferenz 15 000 Delegierte aus 192 Ländern, 12 500 NGO-Vertreter, 4000 UN-Delegierte und 5000 Journalisten teil.

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