Politik : Klimagipfel: Zum Zweiten

Dagmar Dehmer

Jan Pronk hat es geschafft. Das Kyoto-Protokoll ist gerettet. Der niederländische Umweltminister hat zwei schlaflose Nächte und unendliche Verhandlungsrunden in Kauf genommen, um nicht ein zweites Mal mit leeren Händen dazustehen. Wie vor einem guten halben Jahr in Den Haag, als der immer selbstsichere, immer leicht überhebliche Jan Pronk kleinlaut sagen musste: "Wir sind gescheitert." Das wollte er auf keinen Fall noch einmal durchmachen. Denn für den 61-Jährigen war in Den Haag nicht nur ein existenziell wichtiges Umweltabkommen gescheitert. Er war gescheitert. Das dürfte für Jan Pronk beides etwa gleich tragisch gewesen sein.

Zum Thema Rückblick: Der gescheiterte Klimagipfel in Den Haag Die Verhandlungsführung des Sozialdemokraten war alles andere als unumstritten. Die Umweltverbände warfen ihm vor, er habe in Den Haag einen Erfolg dadurch vermasselt, dass er viel zu spät ein Kompromiss-Papier auf den Tisch gelegt hatte. Allerdings geben die meisten zu, dass Pronk die Pleite von Den Haag nicht allein zuzuschreiben ist. Da waren die halsstarrigen Amerikaner, die damals noch mit dabei waren, aber jeden Zentimeter Boden verteidigten, als ginge es um ihr Leben. Und da war Dominique Voynet. Die damalige französische Umweltministerin war den Strapazen tagelanger harter Verhandlungen einschließlich langer Nächte einfach nicht gewachsen. Kurz vor dem Ende der Verhandlungen, soll sie, versichern Teilnehmer, nur noch albern gekichert haben. Kein Wunder, dass Jan Pronk irgendwann den Eindruck hatte, nichts Menschliches sei ihm fremd.

Er glaubte, seine Pappenheimer zu kennen. Drei Mal war er im niederländischen Kabinett Entwicklungshilfeminister, erst seit 1998 ist er für die Umwelt verantwortlich. Viele, die ihn schon länger kennen, sagen: Das Entwicklungsthema liege ihm mehr am Herzen als die Umwelt. Vielleicht hat Pronk deshalb so unverdrossen immer neue Fonds für die Entwicklungsländer (G 77) aus dem Hut gezaubert. Dass ausgerechnet die G 77 noch kurz vor Schluss aufmuckten und damit drohten, die Verhandlungen platzen zu lassen, nahm Jan Pronk daher eher genervt zur Kenntnis.

Es ist dieser selbstzufriedene Unterton, der die Unterhändler in Bonn immer mal wieder auf die Palme gebracht hat. Jan Pronk weiß immer mehr als alle anderen. Als er das Umweltministerium übernahm, soll er seiner Belegschaft am ersten Tag gesagt haben: "Gebt mir vier Wochen Zeit, und ich weiß mehr als ihr alle." Diese Botschaft sandte er auch an die in Bonn versammelten Umweltminister, als er in der Nacht zum Sonntag einen Klima-Kompromiss auf den Tisch legte, den die Vertragsstaaten nur noch annehmen oder ablehnen konnten. In der letzten Bonner Nacht soll Jan Pronk dann allerdings zur Höchstform aufgelaufen sein. In einer unendlichen Kette bilateraler Gespräche redete er nach und nach allen Kritikern ihre letzten Einwände aus, ging noch einen weiteren Schritt auf Japan zu und überzeugte auch alle anderen, ihm dabei zu folgen. Als in Bonn alles getan war, genoss Jan Pronk seinen Erfolg. Das Abschluss-Plenum feierte ihn, und von Überheblichkeit war da nichts mehr zu spüren. Verstohlen wischte sich Pronk eine Träne aus dem Augenwinkel.

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