Politik : Klimaschutz am anderen Ende der Welt

Wie Industriestaaten in Entwicklungsländern ihre Pflichten aus dem Kyoto-Protokoll erfüllen

Dagmar Dehmer

Berlin - 113,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger pro Jahr. Das ist der Beitrag, der über das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz derzeit in Entwicklungsländern erbracht wird. Über den sogenannten Saubere-Entwicklung-Mechanismus (CDM) sind derzeit 514 Projekte weltweit beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen (UNFCCC) registriert, weitere 104 stehen kurz davor. Er ermöglicht Unternehmen aus Industrieländern, die sich im Kyoto-Protokoll zur Verminderung ihres Ausstoßes von Treibhausgasen verpflichtet haben, oder auch den Industriestaaten selbst, in Entwicklungsländern in klimafreundliche Techniken zu investieren und so Emissionsgutschriften zu erwerben. Weil nicht alle Kyoto-Staaten Minderungsverpflichtungen haben, gelten im CDM Länder wie Zypern oder Südkorea auch als Entwicklungsländer.

Yvo de Boer, Chef des UN-Klimasekretariats, sieht im CDM einen „effektiven Weg für Industriestaaten, ihre Klimaverpflichtungen zu erfüllen“. In der Europäischen Union ist zur Erfüllung der Kyoto- Verpflichtung – Minderung des Treibhausgasausstoßes bis 2012 um acht Prozent im Vergleich zu 1990 – darüber gestritten worden, in welchem Maß CDM- Projekte angerechnet werden dürfen. Die EU hat sich darüber nie geeinigt. Die Formulierung im Kyoto-Protokoll heißt, die Staaten müssten ihre Verpflichtungen „überwiegend zu Hause“ erfüllen. Yvo de Boer hält es aber für nebensächlich für die Atmosphäre, wo das Klima geschützt wird, sagte er dem Tagesspiegel. „Für Entwicklungsländer kann der CDM eine Chance sein, Investitionen in die eigene Wirtschaft und das Energiesystem anzuziehen“, meint er. Wenn sie erkennen, dass die Industriestaaten ihnen bei der Aufgabe, die Energieversorgung klimafreundlich auszurichten, helfen, könnte das auch ihre Neigung bei den Kyoto-Folgeverhandlungen beeinflussen, sich längerfristig selbst auf Begrenzungen der Treibhausgasemissionen einzulassen, hofft er. Bisher weigern sich die Entwicklungsländer, sich darauf einzulassen.

Bisher sind die Gewichte im CDM ziemlich eindeutig verteilt: Es profitieren vor allem Asien und Lateinamerika. Dagegen ist Afrika südlich der Sahara ziemlich abgehängt. In Indien laufen bereits 196, in China 39 CDM-Projekte. In Brasilien sind es 88, im kleinen Honduras immerhin zehn, in Mexiko 74. Lediglich in Südafrika hat der CDM mit sechs Projekten bereits angefangen zu wirken. Auch Deutschland ist dort mit einem Projekt vertreten, bei dem die Abwärme aus einer Gasverflüssigungsanlage für die Stromproduktion genutzt wird. Nur Nigeria und Uganda haben es geschafft, jeweils ein CDM-Projekt ins Land zu holen.

Als größter Investor tritt bisher Großbritannien auf. Es ist an 128 Projekten beteiligt, gefolgt von den Niederlanden mit 112 Projekten. Deutschland hält sich bisher zurück. Lediglich bei neun CDM-Projekten engagieren sich deutsche Firmen, davon vier in Indien, zwei in Brasilien und eines in Indonesien. Bei Sao Paulo ist ein deutsches Unternehmen daran beteiligt, das auf der größten Müllkippe des Landes entstehende Deponiegas zur Stromproduktion zu nutzen. Es ist das einizige große CDM-Projekt mit deutscher Beteiligung. Dort werden jährlich 1,07 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Insgesamt verzeichnet das UNFCCC 261 große und 253 kleine CDM-Projekte. Die meisten gibt es zur sauberen Energieerzeugung. Das kleinste CDM-Projekt existiert übrigens in Bhutan. Dort finanziert Japan die Elektrifizierung eines Dorfes mit einer kleinen Wasserkraftanlage. CO2-Ersparnis pro Jahr: 524 Tonnen.

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