Klimaschutz : Noch sind die Listen leer

Die Details für ein neues Klimaschutzabkommen haben es in sich. Der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung Schellnhuber spricht von einer beispiellosen zivilisatorischen Herausforderung.

Dagmar Dehmer

Berlin - Es ist noch ein weiter Weg bis zu einem neuen Klimaschutzabkommen. Es soll zwar im Dezember in Kopenhagen beim Klimagipfel der Vereinten Nationen beschlossen werden. Doch wie viel Arbeit noch vor den Klimadiplomaten liegt, lässt sich an den gerade vom UN-Klimasekretariat veröffentlichten Vertragsentwürfen ablesen. So liegt nun ein Dokument vor, in dem sich die Industriestaaten zu neuen Treibhausgasminderungen verpflichten, wenn das Kyoto-Protokoll 2012 endet. Bisher enthält das Dokument mehr oder weniger leere Listen.

Nur die Philippinen und Südafrika haben sich getraut, Vorschläge zu machen, in welchem Umfang die Industriestaaten ihren Treibhausgasausstoß verringern sollten. Ein großer Streitpunkt dürfte auch sein, ob ein neuer Anhang zum Abkommen eröffnet wird, der Minderungsverpflichtungen von Staaten auflistet, die bisher ihre Emissionen nicht reduzieren mussten. Ein zweites Streitfeld ist die Frage, mit welchen Ersatzleistungen sich Industrieländer aus ihren Verpflichtungen herauskaufen können, wenn sie es nicht schaffen, ihre Ökonomien auf einen klimafreundlichen Pfad zu bringen.

Schon bisher konnten über den sogenannten Clean Development Mechanism (CDM, Mechanismus für saubere Entwicklung) oder über die Joint Implementation (JI, gemeinsame Erfüllung mit Staaten im Übergang zu einer Marktwirtschaft) CO2-Zertifikate erworben werden. Dabei wird beispielsweise darüber gestritten werden, ob neue Atomkraftwerke als JI-Projekte angerechnet werden können. Oder ob die „nachhaltige Wald- oder Landbewirtschaftung“ schon ausreichen, um Kohlendioxid-Gutschriften zu bekommen. Damit würde ein Riesenschlupfloch kreiert. Entsprechend hitzig dürften die Debatten ausfallen. Der Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), Hans Joachim Schellnhuber, hofft, dass in Kopenhagen dennoch ein Abkommen ausgehandelt wird, „das in irgendeiner Weise der Dramatik der Situation gerecht wird“. Er sagte dem Tagesspiegel, dass sich die Wissenschaft einig sei, dass eine durchschnittliche Erwärmung um zwei Grad gegenüber vorindustriellem Niveau „das Maximum dessen ist, was zu verkraften ist“. Wird der globale Temperaturanstieg auf diesem Niveau gehalten, „könnte vermutlich eine Destabilisierung Grönlands vermieden werden“.

Ein komplettes Schmelzen der Eismassen auf Grönland würde den Meeresspiegel weltweit um etwa sieben Meter erhöhen. Schellnhuber hat mehrfach darauf hingewiesen, dass es Rückkopplungseffekte geben kann, die den Prozess beschleunigen können. Schellnhuber nennt solche Effekte Kippprozesse im Klimasystem. Selbst wenn die globale Erwärmung nicht höher als zwei Grad ausfiele, sei schon bis zum Ende des Jahrhunderts ein Anstieg des Meeresspiegels um ein bis eineinhalb Meter möglich, sagte Schellnhuber. Rund 20 Prozent der Weltbevölkerung leben in Küstennähe.

Schellnhuber rechnet mit schwierigen Verhandlungen in Kopenhagen. Zwar sind die USA unter dem neuen Präsidenten Barack Obama in die Klimaverhandlungen zurückgekehrt. Doch das bisher diskutierte Angebot des immer noch zweitgrößten Kohlendioxid-Emittenten der Welt ist noch nicht gut genug, um den größten, China, zu überzeugen, auch mehr zu tun, um den Treibhausgasausstoß zu senken. Schellnhuber nennt die Bewältigung der Klimakrise eine „beispiellose zivilisatorische Herausforderung“. Denn gelinge es nicht, bis 2015 den Höchststand des weltweiten Treibhausgasausstoßes zu erreichen, werde es sehr schwer, das Ruder noch herumzureißen. Nach 2015 müssten die CO2-Emissionen jährlich weltweit um drei bis vier Prozent sinken, rechnet Schellnhuber vor. Wird der Höhepunkt erst 2020 erreicht, müssten es schon sechs Prozent jedes Jahr sein. „Das ist mehr als ein Kyoto-Protokoll pro Jahr“, sagt der Klimaexperte. Es hat allein acht Jahre gedauert, bis dieses Klimaabkommen in Kraft treten konnte. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts müsste sogar CO2 aus der Atmosphäre herausgefiltert werden, um wieder auf die sichere Seite zu kommen. „Das ist nur durch großflächige Aufforstungen und die Abtrennung und unterirdische Lagerung von CO2 möglich, das etwa beim Betrieb von großen Biomasse-Kraftwerken entsteht“, sagt Schellnhuber. In Biomasse-Kraftwerken wird Holz, Stroh oder anderes organisches Material verbrannt, um Turbinen anzutreiben und Strom zu erzeugen.

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