Klimawandel : Deutschland droht der CO2-Bankrott

Umweltberater der Bundesregierung fordern die Abkehr vom Kyoto-Abkommen – es sei angesichts der Dramatik der Situation nicht mehr angemessen. Viel Aufmerksamkeit werden sie nicht bekommen.

Dagmar Dehmer
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Die Emissionen greifen die Atmosphäre an. Ein neuer Ansatz soll sie eindämmen. -Foto: ddp

BerlinAllzu viel Aufmerksamkeit will die Regierung vier Wochen vor der Bundestagswahl und knapp 100 Tage vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen nicht auf das jüngste Gutachten seiner wichtigsten Umweltberater lenken. Deshalb wird das Sondergutachten „Kassensturz für den Weltklimavertrag. Der Budgetansatz“ des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltvorsorge (WBGU) an diesem Dienstag ohne größere öffentliche Anteilnahme im Bundesumweltministerium entgegengenommen. Dabei enthält das Gutachten, das dem Tagesspiegel vorliegt, einigen Sprengstoff. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass Deutschland bei einer ehrlichen Betrachtung der eigenen Klimaschutzanstrengungen eigentlich „Kohlenstoff-Insolvenz“ anmelden müsste.

Die neun Wissenschaftler halten einen neuen Klimapakt in der Logik des Kyoto- Protokolls angesichts der Dramatik der Situation nicht mehr für angemessen. Das ist eine Gemeinsamkeit mit dem neuen Chef-Klimaunterhändler der USA, Jonathan Pershing, der bei den zwei jüngsten Verhandlungsrunden in Bonn ebenfalls eine Abkehr von Kyoto verlangte und eine Einbeziehung aller Industrie- und Schwellenländer in ein neues Abkommen forderte. Das tut der WBGU auch. Allerdings würde das Modell der Wissenschaftler den USA sehr viel mehr abverlangen, als Jonathan Pershing und sein Chef, der oberste US-Klimadiplomat Todd Stern, bisher anbieten können.

Wissenschaftler: „Die physikalischen Spielräume sind sehr eng geworden“

Wie die führenden Nichtregierungsorganisationen in ihrem Entwurf für einen Kopenhagen-Vertrag verfolgt der WBGU ebenfalls einen Budgetansatz. Im Unterschied zu den Umweltorganisationen soll es aber keine Jahresbudgets, sondern ein globales Gesamtbudget für Kohlendioxid (CO2) geben. Nach Einschätzung der Wissenschaftler sind die „physikalischen Spielräume für den Schutz der Erdatmosphäre sehr eng geworden“. Um global unter einer durchschnittlichen Erwärmung von zwei Grad im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung zu bleiben – diesem Ziel haben die G-8- Staaten zugestimmt, auch die Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien –, dürfen bis 2050 nur noch 600 bis 750 Milliarden Tonnen CO2 in der Atmosphäre deponiert werden. Bei einem Gesamtbudget von 600 Milliarden Tonnen CO2 könnte das Zwei-Grad-Ziel nach Einschätzung der Wissenschaftler mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent eingehalten werden, bei 750 Milliarden Tonnen sänke die Wahrscheinlichkeit auf 67 Prozent. Dieses Gesamtbudget will der WBGU nach einem Pro-Kopf-Schlüssel auf der Basis des Jahres 2010 auf die 192 Staaten der Klimarahmenkonvention verteilen. Das sei das „ethisch robusteste“ Verfahren, heißt es im Gutachten. Um die Verantwortung der Industrieländer für den Klimawandel abzubilden, sollen diese den Entwicklungsländern Finanzmittel zur Anpassung und zum Stopp der Entwaldung, die sich „an den nationalen Unterschieden der Pro-Kopf-Emissionen zwischen 1990 und 2010 orientieren“, überweisen.

Der Vorschlag setzt die Vision um, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem indischen Premierminister Manmohan Singh 2007 formuliert hat. Bis 2050 müssten sich alle Länder bei einem Pro-Kopf-Ausstoß von knapp unter zwei Tonnen pro Jahr treffen. Da die USA oder Australien mit Pro-Kopf-Emissionen von 20 Tonnen pro Jahr ihr CO2-Budget längst ausgegeben haben, müssten sie sich bei Ländern, die mit ihrem Budget auskommen, weil ihr Pro- Kopf-Ausstoß deutlich unter einer Tonne im Jahr liegt, mit Emissionszertifikaten versorgen. Der WBGU hält die Bewirtschaftung des globalen Kohlendioxidbudgets nur mithilfe eines globalen Emissionshandels für möglich und schlägt zur Überwachung der Transaktionen eine globale Weltklimabank vor.

Der etwa 200 Seiten starke Entwurf für das Kopenhagen-Abkommen kann nach derzeitigem Verhandlungsstand keine Garantie dafür bieten, dass das Zwei-Grad- Ziel tatsächlich erreicht werden kann. Der WGBU-Vorschlag verlässt diese Verhandlungslogik und ist deshalb wohl eher utopisch. Andererseits sind die Verhandlungsblockaden so zahlreich, dass das womöglich die einzige Chance ist, um zu einem wirksamen Klimapakt zu kommen.

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