Klimawandel : Die Totalblockade der Saudis

In drei Monaten will die Welt ein neues Klimaschutzabkommen beschließen. Wie kaum ein anderes Land wehrt sich Saudi-Arabien gegen die ambitionierten Ziele.

Marlies Uken

Wenn die Saudis auf Klimakonferenzen erscheinen, wird es eng. Dutzende Berater, Assistenten, Rechtsanwälte und Professoren drängen sich dann um Mohammad Al-Sabban, den Wirtschaftsberater des Ölministers und Chef-Unterhändler für ein Folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll.

Das selbstbewusste Auftreten des arabischen Königreichs hat nach Ansicht von Umweltschützern nur ein Ziel: ein ehrgeiziges Klimaschutzabkommen zu verhindern, das die Staaten im Dezember in Kopenhagen verabschieden wollen. Organisationen wie Germanwatch werfen der saudischen Regierung vor, die heimischen Ölmilliarden einzusetzen, um die Verhandlungen zu torpedieren. Von "Quertreibern" und "Totalverweigerern" ist die Rede. 

Dass Saudi-Arabien wenig Sinn in den Klimaschutzverhandlungen sieht, liegt nahe. Die Erlöse aus dem Öl- und Erdgas-Export spülen Jahr für Jahr Milliarden US-Dollar in die Kassen des Landes. Das Land ist der weltgrößte Ölproduzent, besitzt die größten, bestätigten Ölvorräte und ist wichtigste Stimme der Opec, der Vereinigung ölproduzierender Länder.

Zugleich sind die Saudis ihre besten Konsumenten. Kaum ein Land verbraucht pro Einwohner so viel Öl wie Saudi-Arabien. Das Land benötigt den Rohstoff, um eigenes Öl zu fördern und zur Gewinnung von Strom. Der Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid stieg zuletzt drastisch an: Allein zwischen 1998 und 2006 sind die CO-Emissionen nach Angaben der amerikanischen Regierung um mehr als 60 Prozent gewachsen.

Noch muss das Land seine CO-Emissionen nicht mindern. Entwicklungsländer – als solches gilt Saudi-Arabien – sind von den Reduzierungsverpflichtungen ausgenommen. Zwar hat die Regierung, die 1997 noch gegen das Kyoto-Protokoll stimmte, das Abkommen fünf Jahre später ratifiziert. Christoph Bals von Germanwatch, einer Organisation, welche die Klimaverhandlungen intensiv verfolgt, schätzt, dass dies ein strategischer Zug war. "Saudi-Arabien hat das Abkommen in erster Linie ratifiziert, um jetzt die Verhandlungen blockieren zu können."

Saudi-Arabiens Verhandlungsstrategie ist offensichtlich: Die Araber fordern Kompensationszahlungen. Gerade die ölproduzierenden Staaten seien schwer von strengeren Klimaschutzauflagen betroffen. "Wir gehören ökonomisch zu den verletzlichsten Ländern der Welt", klagte im Frühjahr ein Vertreter der saudi-arabischen Delegation. Dass der Internationale Währungsfonds das Land auf Platz 25 der reichsten Länder der Welt listet, ließ er unerwähnt. Während der jüngsten Klima-Vorbereitungskonferenz vor zwei Wochen in Bonn brachte Saudi-Arabien die Ausgleichszahlungen erneut ins Gespräch.

Für Wael Hmaidan ist das ein typisches Verhalten der Saudis. Hmaidan ist Geschäftsführer der Organisation Indyact, die sich von Beirut aus für eine engagierte Klimaschutzpolitik der arabischen Welt einsetzt. "Die Sprecher halten lange Vorträge, auf denen sie nur Bedeutungslosigkeiten vermelden, um Zeit zu schinden", sagt er, "sie wollen entweder keine eigene Position beziehen oder die Gruppe der 77 spalten."

Zu den "G 77" haben sich Entwicklungsländer der Welt zusammengeschlossen. Auch Saudi-Arabien gehört der Gruppe an. Die meisten dieser Länder sind Opfer des Klimawandels: Steigende Meeresspiegel, Dürren, Hurricans und Hochwasser treffen sie besonders hart. Nach Einschätzung von Germanwatch-Experte Bals nimmt Saudi-Arabien über die Opec gezielt Einfluss auf diese Gruppe, um sich ihre wertvollen Stimmen zu sichern.

Im vergangenen Jahrzehnt hatten Opec-Mitglieder allein acht der zwölf letzten Präsidentschaften inne. "Saudi-Arabien finanziert zudem in G-77-Staaten Vorbereitungskurse und Studien und erkauft sich so auf gewisse Weise Einfluss", sagt Bals. "Die Frage ist jetzt, wie lange sich die ärmeren G-77-Staaten noch von Saudi-Arabien instrumentalisieren lassen." 

Bals will bereits die ersten Abgrenzungsbewegungen entdeckt haben. Seit dem Klimagipfel in Bali 2007 organisiere sich die Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer ("least developed countries") bereits stärker, um den Einfluss der Opec-Staaten und insbesondere Saudi-Arabiens zurückzudrängen.

Dessen Ruf auf internationaler Bühne wird nicht besser. Kaum eine Klimakonferenz in den vergangenen Jahren, in der Saudi-Arabien von Klimaschützern nicht den Preis "Fossil of the day" (Fossil des Tages) überreicht bekam. Die Auszeichnung soll auf Länder aufmerksam machen, deren Klimapolitik als besonders rückwärtsgewandt gilt.

Quelle: ZEIT ONLINE

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