Politik : Klimawandel in der heißen Phase

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Bericht der UN warnt vor dramatischen Folgen der Erderwärmung Forscher sicher: Der Mensch ist am Klimawandel schuld Die Meerespegel könnten einen Meter steigen

Berlin - Die Welt muss sich auf mehr Dürren und Hitzewellen, Überschwemmungen und Wirbelstürme gefasst machen. Denn die globalen Durchschnittstemperaturen werden im günstigsten Fall bis 2100 um 1,8 Grad im Vergleich zu 1980, im schlimmsten Fall um 6,4 Grad steigen. Das geht aus dem vierten Bericht des Klimarats der Vereinten Nationen (IPCC) hervor, der am Freitag in Paris veröffentlicht wurde. Die Meeresspiegel dürften bis zum Ende des Jahrhunderts um 28 bis 59 Zentimeter steigen. Der Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, rechnet sogar mit einem Anstieg um bis zu einem Meter.

Der IPCC hat keine ernsthaften Zweifel mehr daran, dass vor allem die Verbrennung von kohlenstoffhaltigen Brennstoffen wie Öl, Kohle und Gas die globale Erwärmung ausgelöst haben: Der Mensch ist mit einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit schuld am Klimawandel. Dem wissenschaftlichen Bericht, an dem 2500 Forscher beteiligt waren, haben 100 Regierungen zugestimmt. Der Bericht genieße „die Akzeptanz aller Regierungen der Welt“, sagte IPCC-Präsident Rajendra Pachauri. „Die Debatte muss ab heute zu Ende sein, die Politik muss zu handeln beginnen“, sagte der Chef des UN-Umweltprogramms (Unep), Achim Steiner.

An der Verantwortung des Menschen für die „beispiellose“ Klimaveränderung gebe es keinen Zweifel mehr, sagte die amerikanische Wissenschaftlerin Susan Solomon. „Die Zunahme des Treibhausgases ist auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen.“ Die Veränderungen in der Atmosphäre, den Weltmeeren und der Verlust von Packeis seien ohne äußere Einwirkung nicht zu erklären, heißt es in dem UN-Bericht. Hans Joachim Schellnhuber, der Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in Klimafragen berät, sagte dem Tagesspiegel: „Die Beweisaufnahme ist abgeschlossen, der Täter überführt.“ Damit sei eine Debatte beendet, „die uns mindestens ein Jahrzehnt gekostet hat“. Wenn es nach dem American Enterprise Institute geht, soll aber noch mehr Zeit verschwendet werden. Das vor allem vom US-Mineralölkonzern Exxon finanzierte Institut lobte einen Preis von 10 000 Dollar für Klimaforscher aus, die dem UN-Bericht widersprechen, berichtet der „Guardian“.

Der Chef des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer sagte, der Bericht lasse keinen Zweifel daran, dass nun „ohne Zögern gehandelt werden muss“. Der frühere Unep-Chef Klaus Töpfer nannte den Bericht einen „nachhaltigen Warnruf“. Der zweite Klimaberater der Kanzlerin, der Chef des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall, Lars Göran Josefsson, sagte dem Tagesspiegel: „Der IPCC-Bericht muss aufrütteln. Wir werden das Problem nur global lösen können, und daher ist es allerhöchste Zeit, ein neues Weltabkommen zur Reduzierung von Treibhausgasen auf den Weg zu bringen. Mit dem Vorsitz der G-8-Gruppe und der EU-Ratspräsidentschaft kommt Deutschland dabei 2007 eine Schlüsselrolle zu.“ Das sieht auch Yvo de Boer so. Er forderte starke Emissionsminderungen der Industriestaaten und Anreize für Entwicklungsländer, ihren Ausstoß an Treibhausgasen ebenfalls zu begrenzen. Darüber hinaus müssten die Entwicklungsländer bei der Anpassung an den nicht mehr abwendbaren Klimawandel unterstützt werden. Der IPCC- Report rechnet vor, dass selbst wenn die Treibhausgasemissionen im Jahr 2000 auf dem damaligen Niveau stabilisiert worden wären, noch mindestens 200 Jahre mit einem weiteren Anstieg der Temperaturen um 0,1 Grad pro Jahrzehnt zu rechnen wäre.

Unep-Chef Steiner forderte einen Weltklimagipfel der Staats- und Regierungschefs, an dem neben dem amerikanischen Präsidenten auch die Präsidenten der Schwellenländer China, Indien und Brasilien teilnehmen sollten. Bei der nächsten Klimakonferenz Ende des Jahres auf Bali müsse der Rahmen für ein neues Klimaschutzabkommen beschlossen werden. Das forderte auch Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD). Er verlangte eine weltweite Minderung der Treibhausgase bis 2020 um 30 Prozent im Vergleich zu 1990. Er warb dafür, das von der EU-Kommission vorgeschlagene Klimaziel von 30 Prozent Minderung, wenn auch andere Industriestaaten mitziehen, auf jeden Fall aber eine Verringerung der Emissionen um mindestens 20 Prozent bis 2020 zu unterstützen. Er nannte die Zustimmung aller EU-Staaten einen „politischen Kraftakt“.

Trotz aller Einsicht in die Notwendigkeit zu handeln streitet sich die Bundesregierung immer noch mit der Kommission darüber, wie viel Kohlendioxid (CO2) die deutsche Industrie im Rahmen des Emissionshandels von 2008 bis 2012 jährlich ausstoßen darf. Die Kommission will Deutschland 453 Millionen Tonnen CO2 zugestehen, in einem neuen Brief an die Kommission bietet die Regierung nun 465 Millionen Tonnen an, vor wenigen Wochen waren es noch 467 Millionen Tonnen. Hans Joachim Schellnhuber nannte die Kontroverse einen „Streit um Kaisers Bart“. Er sieht darin aber die Gefahr, dass Deutschland seine „politische Glaubwürdigkeit“ verliert, wenn es auf einem größeren Emissionsbudget beharrt. Beim Streit über die Begrenzung des CO2-Ausstoßes von Autos sieht er dieses Risiko nicht. Schließlich müsse man sehen, was in fünf Jahren erreichbar sei, sagte er. „Ich wäre ja schon froh, wenn wir 2012 auf 130 Gramm CO2 pro Kilometer kämen“, meinte er. Die EU-Kommission diskutiert über einen Grenzwert von 120 Gramm pro Kilometer.

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