KMK-Bericht 2008 : Bildung bleibt Deutschlands Sorgenkind

Zu viele Schulabbrecher und Hauptschüler ohne Berufschance, zu wenig Studenten - und auch die Weiterbildung kommt nicht voran: Seit der ersten Pisa-Studie wird das deutsche Bildungssystem in Deutschland reformiert. Trotzdem zeichnet der Bildungsbericht 2008 erneut ein kritisches Bild.

BerlinWeiterhin verlassen Jahr für Jahr knapp 80.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss - fast 8 Prozent eines Jahrganges. Der KMK-Bildungsbericht 2008 stellt Schulen und auch Hochschulen ein nach wie vor schlechtes Zeugnis aus. Lediglich Kindergärten und frühkindliche Bildung seien in der letzten Zeit deutlich besser geworden, hob die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Annegret Kramp-Karrenbauer (Saarland/CDU), bei der Vorstellung des Berichts hervor.

Insbesondere Bewerber ohne mittlere Reife und Migrantenkinder haben gravierende Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Vier von zehn Jugendlichen mit Hauptschulabschluss oder gar keinem Abschluss haben auch zweieinhalb Jahre nach Verlassen der Schule keinen Ausbildungsplatz. Um den Übergang in den Beruf zu verbessern, müssten Bund und Länder "Hand in Hand zusammenarbeiten", sagte Kamp-Karrenbauer.

Auch Schüler mit Migrationshintergrund verbleiben der Studie zufolge zu lange in der "Warteschleife": Während die Hälfte der deutschen Bewerber nach drei Monaten einen Ausbildungsplatz findet, brauchen Jugendliche mit Migrationshintergrund für diese Quote 17 Monate.

Unterschiedliche Akzente zur Lösung der Bildungsmisere

Der Bericht beklagt weiter zu geringe Studentenzahlen und zu hohe Abbruchquoten vor allem in Studiengängen wie Maschinenbau, Chemie, Informatik, Mathematik und Physik, um den Fachkräftebedarf der Wirtschaft zu sichern. Für Kindergärten und Schulen fehlt in den kommenden Jahren qualifizierter Pädagogen-Nachwuchs. Auch ist der Anteil der Bildungsausgaben am Brutto-Inlandsprodukt von 6,9 Prozent im Jahr 2005 auf 6,2 Prozent in 2006 zurückgegangen.

Bei der Frage, wie das deutsche Bildungssystem verbessert werden kann, setzten Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften allerdings unterschiedliche Akzente. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband ZDH forderten einen gemeinsamen Kraftakt. Rund 20 Prozent der Schulabgänger könnten gerade mal auf Grundschulniveau lesen, schreiben und rechnen, kritisierte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser forderte mehr Investitionen in Kindergärten, Schulen und Unis. "Bildung ist die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit", erklärte er.

Dagegen setzt die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth in erster Linie auf einen Umbau des Schulsystems, das vielen Kindern und Jugendlichen aus bildungsfernen Familien oder mit Migrationshintergrund die Chance auf Bildung verwehre. "Die Hauptschule gehört abgeschafft", forderte Roth. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangte, den mittleren Schulabschluss nach der zehnten Klasse zum Standard zu machen. Nach Ansicht der Linken-Abgeordneten Nele Hirsch muss die Gemeinschaftsschule zur Regel werden.

Merkel ruft die "Bildungsrepublik Deutschland" aus

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) plädierte für eine Stärkung der frühkindlichen Bildung: "Unser Ziel ist Prävention statt Reparatur." Auch brauche man ein "Bildungssystem, in dem jeder Jugendliche spürt, dass er gebraucht wird". Es sei nicht akzeptabel, dass jährlich 80.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss verließen. Sie mahnte Reformen in den Ländern an. Die Schulen müssten durchlässiger werden, forderte die Bildungsministerin.

Der SPD-Bildungsexperte Jörg Tauss forderte eine dauerhafte Steigerung der Bildungsausgaben auf sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Bisher sind es gut sechs Prozent des BIP. Unionsfraktionsvize Katherina Reiche (CDU) sieht Handlungsbedarf vor allem auf Länderebene. "Auch die Länder müssen ihrer Verantwortung in der Bildungspolitik nachkommen und mehr finanzielle Mittel für Investitionen in Köpfe zur Verfügung stellen", forderte sie.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte an, sie werde die Bildungspolitik zur Chefsache machen. Kindergärten und Schulen quer durch die Republik können sich auf hohen Besuch freuen: Angela Merkel will auf Bildungsreise gehen. Um zu sehen und zu hören, wo in der Bildungspolitik der Schuh drückt, will sie sich Kitas, Haupt- und Berufsschulen anschauen, das Gespräch mit Eltern und Experten suchen. Die Kanzlerin hat Großes vor: Am Donnerstag rief sie die "Bildungsrepublik Deutschland" aus. Am 22. Oktober will sie mit den Länder-Ministerpräsidenten über die Probleme reden. (nim/dpa/ddp)

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