Politik : Kämpfe zwischen Hamas und Fatah

Erstmals seit Regierungsbildung / 47 Milizgruppen terrorisieren Gazastreifen

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Erstmals seit der Bildung einer Einheitsregierung vor zwei Monaten ist es im Gazastreifen wieder zu groß angelegten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Palästinsergruppen gekommen. Die Milizen der Hamas und der Fatah, der beiden großen Koalitionspartner in der „Regierung der nationalen Einheit“, lieferten sich am Freitag heftige Gefechte. Dabei wurden nach offiziellen Angaben mindestens sechs Menschen verletzt. Anderthalb Tage zuvor hatten 3000 Polizisten auf direkten Befehl von Präsident Mahmud Abbas (Fatah) und Ministerpräsident Ismail Hanijah (Fatah) neue Stellungen in Gaza-Stadt bezogen.

Der für die Sicherheitsorgane zuständige Innenminister Hani Kawasmeh hatte vor kurzem seinen Rücktritt angeboten, weil sein von der Regierung genehmigter Sicherheitsplan nicht umgesetzt wurde. Als nun beide Führer die erste Phase umsetzten, drohte Kawasmeh, der keinerlei Erfahrung auf dem Sicherheitssektor und keine politische Rückendeckung hat, erneut mit Rücktritt: Man habe ihn nicht unterrichtet.

Im Gazastreifen brechen nicht nur immer häufiger mörderische Kämpfe zwischen Familienclans aus. Die Polizei ist zudem unfähig, der zunehmenden Anzahl von Raubüberfällen und Entführungen Herr zu werden oder schaut bei den zahlreicher werdenden „Ehrenmorden“ an Frauen Gewehr bei Fuß zu.

In dem schmalen Küstenstreifen sind nicht weniger als 47 bewaffnete Milizen aktiv, wobei vor allem diejenigen der radikalislamischen Hamas und des noch extremistischeren „Islamischen Dschihad“ aufrüsten. Dies angeblich allein für den Kampf gegen Israel, in Wirklichkeit aber sehr wohl auch für die nun wieder ausgebrochenen internen Auseinandersetzungen. Durch 15 aktive Schmuggeltunnels unter der Grenze zu Ägypten sind allein in den letzten zwölf Monaten rund 30 Tonnen Sprengstoff für Raketenköpfe und Bombenbau geschmuggelt worden.

Die Kämpfe zwischen den Hamas- und den Fatah-Milizen brachen am frühen Freitagmorgen gleich an mehreren Orten im Zentrum und im Norden des Gazastreifens aus. Hamas-Kommandos behaupteten, nicht über die neuen Truppenstationierungen orientiert worden zu sein. Aus einem Minibus nahm ein solches Kommando eine neue Straßensperre mit Fatah-Polizisten unter Feuer und verwundete vier von ihnen. Bewaffnete Hamas-Milizionäre stürmten später ein Gebäude der „Nationalen Sicherheits“-Truppe in Gaza-Stadt und befreiten einen dort festgehaltenen Angehörigen ihres Kommandos. Mindestens zwei Uniformierte der „Nationalen Sicherheit“ wurden schwer verwundet und zwei weitere Angehörige der Sicherheitsorgane im Norden des Gazastreifens verletzt, als ihr Auto von Hamas-Milizionären beschossen wurde. Auch andernorts kam es zu Schusswechseln, bei denen es Verletzte gegeben haben soll.

Auf israelischen Gebieten nahe dem Gazastreifen schlugen am Freitag weitere vier Kassam-Raketen ein, ohne allerdings Schaden anzurichten. Eine dieser Raketen verfehlte eine „wichtige strategische Anlage“ südlich der 100 000-Einwohner-Stadt Aschkalon nur ganz knapp. In der Kleinstadt Sderot, wo um fünf Uhr morgens die erste Rakete einschlug, wurde in dieser Woche schon eine Tankstelle und ein Wohnhaus zerstört, eine weitere Rakete schlug direkt neben einem Kindergarten ein.

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