Politik : Koalition der Billigen

EUROPA UND DIE USA

-

Von Malte Lehming

Die Franzosen bestrafen, die Deutschen ignorieren, den Russen vergeben: Das war, kurz nach dem IrakKrieg, die Devise im Weißen Haus. Damals strotzte die US-Regierung vor Selbstbewusstsein. Heute ist sie kleinlauter. Denn die Dinge haben sich nicht ganz so entwickelt, wie sie gehofft hatte. Der Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer nimmt eher zu als ab, die Kosten für den Wiederaufbau schnellen mit jeder Schätzung immer weiter nach oben. Auf Neudeutsch lässt sich die Bilanz in zwei Worte fassen - dumm gelaufen. Nun stehen die Kriegsgegner vor der Wahl: Sollen sie die Amerikaner bestrafen, ignorieren oder ihnen vergeben? Ihre Antwort lautet: sowohl als auch.

Die offiziellen Erklärungen klingen gnädig. Da wird betont, wie wichtig es sei, den Streit zu vergessen, die Vergangenheit zu begraben, gemeinsam die Probleme der Zukunft anzupacken. Doch das ist ein wenig geheuchelt. Vergessen ist gar nichts. Die Wunden sind tief. Deshalb beherbergen die meisten Europäer in ihrer Brust zwei Seelen. Die eine wünscht sich, dass den Amerikanern im Irak eine Lektion erteilt wird. Die andere befürchtet, dass die Lage außer Kontrolle gerät. Sollten die US-Truppen unverrichteter Dinge abziehen und das Land seinem Schicksal, also: dem Chaos überlassen, wäre das Gezetere groß. Nein, sie sollen gefälligst da bleiben, möglichst nicht zu schnell erfolgreich, gewissermaßen als Beweis für die Torheit des Krieges.

Und als Dauerproblem für George W. Bush. Auch die Europäer wissen, dass in einem Jahr ein neuer US-Präsident gewählt wird. Wenn die Wirtschaft in Amerika wieder anzieht, bleibt der Opposition dort nur das Thema Irak. Kann es im europäischen Interesse liegen, Bush an dieser Front zu entlasten und ihn so zu unterstützen? Kein Politiker darf andeuten, geschweige denn aussprechen, dass es diesen Zusammenhang gibt. Man mischt sich nicht ein in die Innenpolitik eines verbündeten Landes. Das ist ein ehernes Gesetz. Aber zu glauben, dass dieses Gesetz stets beachtet wird, wäre naiv. Europa hilft Amerika - so viel wie nötig, um nicht der Treulosigkeit geziehen zu werden, so wenig wie möglich, um Bush die Pose des Triumphators zu verderben. Aus Paris, Berlin und Moskau kommen halbherzige Signale: Der Wiederaufbau des Irak darf nicht scheitern, aber wir beteiligen uns daran weder mit Truppen noch mit Geld.

Für die US-Regierung ist diese Erkenntnis ernüchternd. Sie bleibt im Irak auf sich allein gestellt. Ob mit oder ohne einer neuen Resolution des UN-Sicherheitsrates: Zu einer Entlastung ihrer Soldaten wird es nicht kommen. Das einzige Land, das Truppen offeriert hat, ist die Türkei. Doch ausgerechnet der von den Amerikanern installierte irakische Regierungsrat lehnt eine Stationierung türkischer Soldaten ab. Und das Geld? Das wird ebenfalls verweigert. Ob mit oder ohne einer neuen UN-Resolution: Die internationale Geberkonferenz, die in elf Tagen in Madrid stattfinden soll, wird scheitern. Dort kommt allenfalls ein Bruchteil der benötigten Wiederaufbauhilfe zusammen.

Bestrafen, ignorieren, vergeben; wer nicht für uns ist, ist gegen uns: Ihre eigenen Slogans wenden sich nun gegen die Bush-Regierung, klingen nicht mehr markig, sondern defensiv. Die Koalition der Willigen ist nicht sehr groß.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben