Koalition uneins : De Maizière sieht "Schutzlücke"

09.10.2010 13:26 UhrVon Frank Jansen

Die Regierungskoalition steuert auf einen weiteren größeren Konflikt zu. Strittig ist diesmal der Umgang mit der Vorratsdatenspeicherung, bei der die Positionen von Union und FDP weit auseinanderliegen.

Berlin - Das von Thomas de Maizière (CDU) geführte Innenministerium und das Bundeskriminalamt pochen auf die rasche Einführung einer gesetzlichen Regelung, wonach Internet-Provider die mit einer IP-Adresse verbundenen Kundendaten sechs Monate speichern müssten. Die IP-Adresse ist eine individuelle Zahlenkombination, über die ein Computer im Internet erreichbar ist. Ministerium und BKA sagen, für die Verfolgung schwerer Verbrechen bis hin zum Terrorismus sei es dringend nötig, wenigstens ein halbes Jahr lang bei den Providern auf die Verkehrsdaten zur IP-Adresse zugreifen zu können. Die FDP lehnt das ab. Die Massenspeicherung von Kommunikationsdaten sei nicht erforderlich, sagte am Freitag Christian Ahrendt, parlamentarischer Geschäftsführer der FPD-Fraktion.

De Maizière und BKA-Präsident Jörg Ziercke warnten hingegen am Freitag vor einer immer größer werdenden „Schutzlücke“. Es dürfe nicht vom Geschäftsmodell eines Providers zur Speicherung von Kundendaten abhängen, ob die Aufklärung von Straftaten und die Abwehr von Gefahren möglich sind, sagte de Maizière. Und Ziercke mahnte: „Ohne gespeicherte Verkehrsdaten ist eine Identifikation von IP-Adressen nicht möglich.“

Auslöser des Streits zwischen Union und FDP ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom März. Die Richter in Karlsruhe kippten die Vorschriften, mit denen der Bundestag im Jahr 2007 eine Richtlinie der Europäischen Union zur Vorratsdatenspeicherung umgesetzt hatte. Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) und fast 35 000 weitere Personen hatten Verfassungsbeschwerden eingelegt. Laut Gericht widersprechen die deutschen Vorschriften zur anlasslosen, sechsmonatigen Speicherung der Telekommunikationsdaten für Zwecke der Strafverfolgung und Gefahrenabwehr dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Generell sei die Speicherung der Daten aber mit dem grundgesetzlich geschützten Fernmeldegeheimnis „nicht schlechthin unvereinbar“.

Ein verbesserter Gesetzentwurf müsste nun vom Bundesjustizministerium kommen. Seine freidemokratische Chefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberg hatte sich jedoch an den Verfassungsbeschwerden gegen die Vorratsdatenspeicherung beteiligt. Ein Sprecher des Ministeriums sagte jetzt auf die Frage nach einem Gesetzentwurf, der Zeitraum sei offen und „der Spielraum ist eng nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts“. Doch damit werden sich de Maizière und das BKA nicht zufrieden geben.

Ziercke betonte, von März bis Mitte September habe das BKA bei 880 von 1157 „Auskunftsersuchen zu Anschlüssen“ keine brauchbare Antwort von den Telekommunikationsanbietern erhalten. In den meisten dieser Fälle waren Ermittlungen wegen Kinderpornografie anhängig, es ging allerdings auch um Tötungsdelikte und Terrorismus. Aufgrund der „Negativauskünfte“ der Provider „konnte die zugrunde liegende Straftat in 479 der Fälle nicht aufgeklärt werden“, sagte Ziercke. Und de Maizière ergänzte, die Schutzlücke sei „bewiesen“. Frank Jansen

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite