Koalitionsmöglichkeiten : Strategisch wählen - eine Handreichung zur Bundestagswahl

Nicht jeder, der bei der Bundestagswahl „seine“ Partei wählt, bekommt auch „seine“ Koalition. Viele stimmen deshalb strategisch ab. Wie funktioniert das?

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Stefan Raab hat die Frage im Fernsehduell aufgeworfen: Was muss ich eigentlich wählen, wenn ich mir eine Große Koalition wünsche? Eine Antwort hat er nicht bekommen. Dabei ist der TV-Moderator nicht der Einzige, der das gerne wüsste. Aber Raab hat wahrscheinlich den Falschen gefragt: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hätte sich mit einer Klartext-Antwort selbst ins Knie geschossen. Also müssen wir den Service übernehmen und wieder unser kleines Horoskop für Wechselwähler zusammenstellen. Wir können und wollen Ihnen natürlich nicht sagen, wen Sie am Sonntag wählen sollen – außer, dass Sie bitte überhaupt hingehen. Wir können Ihnen aber einen Hinweis darauf geben, welche Regierung Sie mit Ihrer Stimme für die XY-Partei vermutlich befördern. Wobei die Betonung auf den Worten „Hinweis“ und „vermutlich“ liegt. Die Basis für unsere Koalitionsarithmetik liefern – mangels besserer Anhaltspunkte – die letzten Meinungsumfragen. Das Wahlergebnis kann anders aussehen. Taktisches Wählen ist deshalb riskant – im Extremfall bewirkt die scheinbar raffinierte Wahlentscheidung ihr Gegenteil. Auch deshalb gleicht dieses Spiel einem Horoskop. Man kann daran glauben oder nicht – alles auf eigenes Risiko.

Wem gebe ich am besten meine Zweitstimme für die Wunschregierung ...

... Schwarz-Gelb?

Das kann knapp werden – knapp noch mal reichen, knapp scheitern. Die Antwort ist aber einfach: FDP. Angela Merkels CDU hat mehrere Koalitionsmöglichkeiten, die Freidemokraten haben nur diese eine. Einen Seitenwechsel hin zu einer Ampel mit Roten und Grünen haben sie förmlich ausgeschlossen. Selbst wenn man auf solche Schwüre nicht viel gibt, spricht alles dafür, dass dieser notgedrungen ehrlich war: Für die schwer geschwächte FDP wäre ein machtpolitisch motivierter Schwenk ins linke Lager tödlich. FDP zu wählen bedeutet also eine Chance, dass Angela Merkel und Philipp Rösler weiter regieren, und beugt der Gefahr vor, dass die FDP aus dem Parlament verschwindet. Eine Stimme für die CDU könnte Schwarz-Gelb zwar ebenfalls nutzen – aber auch anderen Farbenspielen.

... Rot-Grün?

Vielleicht sollten Sie besser noch mal vier Jahre warten. Derzeit hat das offizielle Wunschbündnis von SPD und Grünen gemeinsam weniger Zuspruch als CDU/CSU alleine, von einer Mehrheit zu schweigen. Seit dem vorzeigbaren Auftritt von Peer Steinbrück beim TV-Duell ist die Stimmung bei den Sozialdemokraten zwar besser geworden, was sich auch demoskopisch in einem leichten Aufwärtstrend niederschlägt. Dafür sinken jedoch ungefähr in gleichem Maße die Grünen leise ab. Eher unwahrscheinlich, dass Peer Steinbrück auf den letzten Metern die zweite Luft bekommt und Jürgen Trittin sich zum Liebling der Massen mausert. Aber wer Rot-Grün will, bitte: Wählen Sie Grün. Ein Kreuz für die SPD fördert eher die große Koalition.

... Schwarz-Grün?

Ganz schwierige Sache. Rechnerisch wäre das Bündnis der alten Volkspartei mit der auch nicht mehr taufrischen Öko- Truppe ohne Weiteres möglich. Aber die Neigung dazu ist auf beiden Seiten inzwischen sehr überschaubar – selbst wenn die Führenden sich einig würden, müssten sie mit massiven Widerständen aus den eigenen Parteien rechnen. Außerdem müsste Angela Merkel das Risiko eingehen, ohne eine einzige sichere Stimme im Bundesrat zu regieren.

Die Kanzlerin meidet gerne unnötige Risiken, auch wenn es sie machttaktisch vielleicht reizen könnte, die Grünen aus dem „linken“ Lagerblock heraus zu brechen. Wer an Schwarz-Grün glauben mag, mache also sein Zweit-Kreuz bei Grün – das Risiko, versehentlich Rot-Grün zu unterstützen ist, siehe dort, gering.

... große Koalition?

Peer Steinbrück hat schon gewusst, weshalb er nichts sagt. Zwar ist der Notverband der beiden Volksparteien für seine SPD die einzige Machtoption, die derzeit realistisch erscheint. Aber erstens will er persönlich nicht noch einmal unter Kanzlerin Merkel dienen. Und zweitens führen zur Wahl der großen Koalition auch krumme Wege. Der geradlinigste wäre ein Kreuz bei den Sozialdemokraten – Risiken und Nebenwirkungen sind dabei letztlich gering. Eine CDU-Stimme ist riskanter, sie könnte am Ende einem Vizekanzler Rösler beim Überleben helfen. Noch risikofreudiger, dafür aber mathematisch mit dem größten Wirkungspotenzial versehen ist eine scheinbar schräge Wahlentscheidung: Wenn die „Alternative für Deutschland“ (AfD) oder die – derzeit weit abgeschlagenen – Piraten in den Bundestag einziehen würden, bliebe rechnerisch überhaupt nur einer großen Koalition eine Regierungsmehrheit.

... Rot-Rot-Grün?

Warten Sie mal lieber noch mindestens vier Jahre. Ein Bündnis der vereinten Linken könnte eine knappe Mehrheit auf sich vereinen, trotzdem erscheint es wenig wahrscheinlich. Gewiss: Wenn es für Schwarz-Gelb nicht reichte und wenn sich SPD und CDU/CSU in Koalitionsgesprächen hoffnungslos festbeißen würden und wenn Jürgen Trittin und Gregor Gysi dann ein gemeinsames Lockangebot an Sigmar Gabriel lancierten und wenn... aber finden Sie nicht auch, dass das schon zu viel Konjunktiv ist? Nein? Okay, wir halten niemanden ab: Machen Sie Ihr Kreuz bei der Linken. Für sie ist Rot-Rot-Grün der einzige Weg in die Regierung.

... Ampel oder Jamaika?

Rauchen Sie weiter komisches Zeug und haschen nach bunten Trugbildern.

... die auf jeden Fall Angela Merkel als Kanzlerin anführt?

Das ist ganz einfach: Zweitstimme CDU oder, bayerisch, CSU.

... die auf jeden Fall Peer Steinbrück als Kanzler anführt?

Das ist ganz schwierig: Zweitstimme SPD und auf die gute Fee warten.

... die sofort den Euro abschafft oder mindestens die Griechen rausschmeißt?

Tja, sieht schlecht aus. Die Freien Wähler haben wohl keine Chance, bei der Alternative für Deutschland (AfD) ist nur klar, was ihr Erfolg bewirken würde: die große Koalition. Für die Anti-Euro-Partei ist kein Partner in Sicht, der sie auch nur in die Nähe der Macht brächte. Das Schicksal teilt sie mit allen anderen, noch kleineren Parteien. Wer denen seine Stimme gibt, wirkt indirekt trotzdem an der Regierungsbildung mit. Denn je größer der Anteil der „Sonstigen“, desto gewichtiger wird jede Stimme für eine der Parteien im Parlament. Dafür sorgen die Fünf-Prozent-Hürde und die Mathematik. Für eine Mehrheit braucht es grundsätzlich 51 von 100 Wählern. Doch wenn zehn Prozent „Sonstige“ an der Hürde scheitern, reichen schon 46 Stimmen aus.

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