Koalitionstreffen in Meseberg : Geisterbeschwörung

Diese große Koalition ist ein taktisch befristeter Zweckbund – mehr noch als die erste. Man wird jetzt ein paar Jahre miteinander regieren, aber danach soll etwas anderes kommen. Das Teambuilding in Meseberg klappt trotzdem prima. Die Kanzlerin sagt: Es war schön.

von
Das neue Traum-Duo Sigmar Gabriel und Angela Merkel.
Das neue Traum-Duo Sigmar Gabriel und Angela Merkel.Foto: AFP

War da was? Also von wegen „Fehlstart“ und so, vorpreschende Minister und ein Fraktionsvorsitzender, der zur Ordnung ruft? Sigmar Gabriel setzt seine unschuldigste Miene auf, dieses Kleine-Buben-von-der-letzten-Bank-Lächeln. „Wir haben solche Konflikte gar nicht“, sagt der Vizekanzler. Angela Merkel macht eine Kopfbewegung, die man im Zweifel als Zustimmung deuten kann. Die erste Klausur des neuen Bundeskabinetts liegt hinter den beiden. Im Schloss Meseberg hat es zwei lange Sitzungen am Kabinettstisch gegeben und einen Abend, der jedenfalls für Merkel nicht ganz so lang war, wegen des vermaledeiten angebrochenen Beckens. Trotzdem, „es war schön“, sagt Merkel.

Das Wintertreffen in der brandenburgischen Ferne gehört inzwischen zu den festen Ritualen jeder neuen Bundesregierung. Draußen vor dem Schloss frieren die Fernsehreporter, loben den sanft verschneiten Ausblick, stellen mit roten Ohren Mutmaßungen darüber an, was drinnen vor sich geht, und rätseln, ob Verkehrsminister Alexander Dobrindt jetzt wirklich nur noch mit dem Elektroauto von Termin zu Termin fährt oder bloß diesmal zum Vorzeigen.

Man tagt leger

Drinnen am Tisch im großen Speisesaal haben die Herren Donnerstagfrüh weitgehend die Jacketts abgelegt. Man tagt leger im weißen Oberhemd. Für einige war die Nacht kürzer. Gabriel will sich keine Details entlocken lassen, weil, sagt er: „Sonst wird der nächste Abend schwieriger.“ Aber als jemand die quasi unvermeidliche Frage nach dem „Geist von Meseberg“ stellt, entschlüpft dem Vizekanzler doch die dahingeknurrte Auskunft: „nach Mitternacht – Himbeergeist“.

Derlei Geister sind dem inneren Zusammenhalt bekanntlich förderlich. Und darin liegt der eigentliche Sinn dieser Treffen. „Teambuilding“, sagt einer, der schon öfter dabei war. Ein Kabinett hat dazu sonst erstaunlich wenig Gelegenheit. Da werkelt jeder Minister so vor sich hin, alle paar Wochen sieht man sich rund um den großen Kabinettstisch im Kanzleramt. Für ein paar entspannte, auch mal persönliche Worte ist im Terminplan einer Bundesregierung wenig Platz. In Meseberg können sich die Neuen kennenlernen, und die Sicherheitsleute können die Neuen kennenlernen, sodass demnächst zum Beispiel der neue Entwicklungsminister Gerd Müller von einem Fernsehauftritt draußen wieder ins Schloss reinkommt, ohne von der Polizei nach dem Ausweis befragt zu werden.

Arbeitsfrieden in der Ministerrunde

Merkel jedenfalls hat immer großen Wert auf Teamgeist gelegt. In Koalitionsrunden kann man sich parteipolitisch zoffen, dafür sind sie da. Aber Arbeitsfrieden in der Ministerrunde – darin liegt eins der Erfolgsgeheimnisse ihrer Regentschaft.

Ob das diesmal wieder funktioniert – das zu beurteilen, ist es ehrlicherweise ein bisschen früh. Man hat ja noch wenig gesehen von dieser Regierung. Rekordträchtige 82 Tage lang haben sie koalitionsverhandelt, sind danach redlich erschöpft in den kurzen Weihnachtsurlaub gegangen, und dabei ist die Kanzlerin im Schnee gestürzt. Seither wird Deutschland quasi unsichtbar regiert. Merkel ist zwar so oft wie möglich im Büro, aber öffentliche Auftritte sind noch auf Wochen hinaus aufs Allernötigste beschränkt. Die Pressekonferenz in Meseberg findet am Tisch statt. Ein Mitarbeiter nimmt der Chefin die Krücken ab. Manchmal ruckelt Merkel leicht auf dem Stuhl hin und her. Angebrochene Beckenknochen tun lange weh.

8 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben