Politik : Köhler: Keine Demokratie ohne Bildung

Präsident nennt die Lage beschämend – er fordert mehr Ehrgeiz und Geld / Das sagen auch Jugendforscher

Andrea Dernbach

Berlin - Bundespräsident Horst Köhler hat das deutsche Bildungssystem scharf kritisiert und dessen Defizite als eine Gefahr für die Demokratie bezeichnet. Viel zu wenige junge Menschen in Deutschland bekämen Lehrstellen, machten Abitur oder absolvierten ein Studium, sagte der Bundespräsident in einer Rede an der Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln. Es sei „beschämend“, dass die Kinder von Migranten und aus bildungsfernen Familien nur ein Viertel der Chancen eines Akademikerkindes hätten, aufs Gymnasium zu kommen: „Bildungschancen sind Lebenschancen. Sie dürfen nicht von der Herkunft abhängen“, sagte Köhler. An der Kepler-Schule stammen 70 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien. Neukölln war vor Monaten in die Schlagzeilen geraten, nachdem Lehrer der dort gelegenen Rütlischule in einem Brandbrief Gewalt und Hoffnungslosigkeit an ihrer Schule geschildert hatten.

Köhler verwies in der Rede mit dem Titel „Bildung für alle“ auch darauf, dass der Mangel an Bildung undemokratisch sei. Nur eine Diktatur könne sich ungebildete Bürger leisten; sie wünsche sie sich sogar: „Unsere freiheitliche Gesellschaft lebt davon, dass mündige Bürgerinnen und Bürger Verantwortung für sich und für das Gemeinwohl übernehmen.“

Der Bundespräsident forderte mehr öffentliches Geld für Bildung, ein „verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr“, Sprachprüfungen vor dem Schulbeginn. Er sprach sich auch für islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache aus. An die Eltern appellierte er, ihren Teil beizutragen, indem sie ihren Kindern Rücksicht und Manieren vermittelten und sich Zeit dafür nähmen, mit den Kindern zu sprechen und ihnen vorzulesen. Lehrer und Schulleiter, die sich persönlich stark engagierten, seien für ihn „Helden des Alltags“.

Von den Ländern forderte Köhler durchgreifende Verbesserungen des Bildungssystems. Ob dies gelinge, sei eine wichtige Probe auf die Zukunftsfähigkeit des Föderalismus.

Auch die ebenfalls am Donnerstag veröffentlichte 15. Shell-Jugendstudie enthält Hinweise auf deutliche Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem. „Die Elternhäuser schlagen ungeheuer durch auf die Möglichkeiten der Kinder“, sagte der Leiter der Studie, der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann. „Ein benachteiligtes Elternhaus produziert benachteiligte Kinder.“ Hurrelmann warnte wie der Bundespräsident vor den Folgen für die Demokratie. Er und seine Kollegen hätten kaum grundsätzliche Demokratieverdrossenheit bemerkt,aber gerade in den neuen Ländern viel „Unzufriedenheit mit der Praxis der Demokratie“. „Das wird riskant für ein demokratisches Gemeinwesen.“

Die junge Generation halten die Forscher der Shell-Studie insgesamt für optimistisch und tatkräftig. Ihre Leistungsbereitschaft treffe aber in wirtschaftlich schwieriger Zeit auf „Abweisung“. Vor allem junge Männer würden abgehängt, während Frauen langsam die „neue Bildungselite“ stellten. „Männerförderung ist angesagt“, sagte Hurrelmann, sonst drohe „ein Krieg nicht der Generationen, sondern der Geschlechter“.

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) widersprach in diesem Punkt energisch. Dass Frauen aufholten, sei eine „überfällige Selbstverständlichkeit“. Man dürfe aber „keinen zurücklassen“. Wenn etwa jeder zweite türkische Junge die Hauptschule besuche, sei das kein Zeichen geringerer Begabung.

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