Köhler-Nachfolge : Kurz vor der Übergabe

Die Nachfolge von Horst Köhler will Schwarz-Gelb noch in dieser Woche regeln. Favoritin ist Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Aber wird sie es auch?

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Am Mittwochfrüh ist allen alles bereits sonnenklar. Oder sagen wir besser: fast allen. Auf den Zeitungsseiten prangen Fotos einer lächelnden Frau in den besten Jahren, die Nachrichtenagenturen verbreiten Porträts und Gewissheiten. Ursula von der Leyen, 51 Jahre alt, derzeit Bundesministerin für Arbeit und Soziales, wird als nächste Bundespräsidentin die erste Frau im Staat. Nur für eine andere ist das so klar in diesem Moment offenbar noch nicht. Diese andere ist die Frau, die es entscheiden muss. Und Angela Merkel, versichern Leute, die das wissen müssen, habe sich trotz großer Sympathie für von der Leyen noch nicht festgelegt. Nach wie vor könne diese wichtige Personalentscheidung anders enden, als es jeder schon zu wissen glaube.

Wie ernst dieses Nachdenken gemeint ist, ist schwer abzuschätzen. Schon aus taktischen Gründen könnte es ja klug sein, die Nachfolge Horst Köhlers nicht im Schweinsgalopp zu regeln. So unbeliebt sich der Ex-Präsident durch die Art seines Rückzugs im politischen Berlin gemacht hat, beim Volk wirkt Köhlers stiller Bund mit den Bürgern gegen „die Politiker“ nachhaltig nach. Und: Wichtige Personalfragen sind stets heikel. Frühe öffentliche Festlegungen können Leute zu Widerreden reizen, die sich durch rechtzeitige Einbindung vermeiden lassen.

Die Gefahr ernsthafter Widerstände ist freilich gering. Sicher, es gibt Bedenken in der Union gegen eine Kandidatin, die wie sonst niemand für Merkels gesellschaftlichen Modernisierungskurs steht. Mehrere Abgeordnete und Parteipolitiker vor allem aus dem Süden haben unter der Hand bereits wissen lassen, dass von der Leyen ihre Stimme nicht bekommen werde. Ein für die schwarz-gelbe Mehrheit bedrohliches Ausmaß habe das Gemurre aber nicht, versichern Insider. Kein Problem wäre auch der Ersatz im Kabinett. Auf das Arbeits- und Sozialministerium hat Merkels Ex-General und jetzige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla schon lange ein Auge geworfen. Trotzdem wäre der Abschied der Turbo- Ministerin aus der aktiven, gestaltenden Politik ein Verlust für das Kabinett.

Der Zug für von der Leyen rollt derweil scheinbar unaufhaltsam. Schon am Dienstagfrüh in der Runde der drei Parteivorsitzenden im Kanzleramt haben Horst Seehofer und Guido Westerwelle nach Informationen aus der Koalition erkennen lassen, dass CSU und FDP keinen Anspruch auf eigene Bewerber erheben – und dass sie mit der Niedersächsin im Schloss Bellevue leben könnten. Seehofer berichtet am Mittwochfrüh in einer Telefonkonferenz dem CSU-Präsidium. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner, Landesumweltminister Markus Söder und die Landtagspräsidentin Barbara Stamm sprechen sich offen für die CDU-Frau aus. Doch herrscht in der Runde zugleich Einigkeit darüber, dass auch Kandidaten wie Bundestagspräsident Norbert Lammert oder Finanzminister Wolfgang Schäuble an den Bayern nicht scheitern würden. Letztlich, heißt es, müsse die CDU entscheiden – nur bitte noch in dieser Woche.

Nicht ganz holperfrei läuft die Sache bei der FDP. Am Dienstagabend hat sich das FDP-Präsidium getroffen. Im letzten Teil der Sitzung schickten die FDP-Oberen alle Mitarbeiter vor die Tür und schworen sich dann drinnen in die Hand, dass das Besprochene strikt geheim bleibt. Spärliche Hinweise auf das Geschehen hinter der geschlossenen Tür sind trotzdem zu hören. Widerstand gegen von der Leyen, aber auch gegen andere CDU-Namen, speziell Schäuble, gab es nicht. Es habe auch keiner verlangt, dass Parteichef Westerwelle für das Ja zur CDU-Kandidatin einen konkreten politischen Preis fordern solle, versichern Informierte. Aber dass die gemeinsame Wahl des Staatsoberhaupts nur der Anfang einer neuen Gemeinsamkeit in der Koalition sein dürfe – auf ein entsprechendes Signal der Kanzlerin legen Spitzenliberale gesteigerten Wert. Bei der FDP ist das Gefühl nämlich langsam chronisch, in der Koalition untergebuttert zu werden. Und dieses Gefühl erhält sofort neue Nahrung, wenn jetzt die CSU sich aufmacht, das nächste FDP-Prestigeprojekt Gesundheitsprämie zu zerschießen.

Am Mittwochnachmittag sitzen Merkel, Westerwelle und Seehofer wieder im Kanzleramt zusammen. Es geht wie schon tags zuvor um die Sparklausur am Wochenende. Es geht aber auch um die Personalie Bundespräsident. Merkel hat vorher mit von der Leyen gesprochen. Wenn die CDU-Chefin ihren Gewohnheiten treu bleibt, müsste das heißen, dass die Entscheidung gefallen ist. Denn das hat noch jeder berichtet, der unter Merkel etwas wurde: Der Anruf kommt immer kurz vorher, und viel Bedenkzeit gibt es nicht.

Von der Leyen dürfte keine Minute brauchen. Der Aufstieg ins höchste Staatsamt wäre die Krönung und zugleich der glanzvolle Endpunkt einer Blitzkarriere. Die jüngste Tochter Ernst Albrechts erlebte Politik am Küchentisch, wenn Parteifreunde ihren Vater, den niedersächsischen Ministerpräsidenten, daheim besuchten. Aber erst 1990 tritt die Ärztin überhaupt in die CDU ein. 2003 holt Christian Wulff sie als Sozialministerin in die Landesregierung in Hannover, zwei Jahre später sitzt sie als Familienministerin im Bundeskabinett.

Was die Kanzlerin als CDU-Generalsekretärin begonnen hatte, führt von der Leyen konsequent zu Ende: die Abkehr der CDU von der Partei, die dem Ideal der Mutter am Herd nachtrauerte. Elterngeld und Krippenplatz-Initiative stoßen in der Union folgerichtig auf mehr Widerspruch als anderswo. Aber von der Leyen hat die Wirklichkeit auf ihrer Seite. Und die Wirklichkeit der Söhne und Töchter von Unions-Politikern ist eine, die das anfangs noch verspottete „Wickelvolontariat“ zum Normalfall werden lässt.

Regelmäßig landet von der Leyen denn auch in den Umfragen weit oben auf der Beliebtheitsskala. Was ihr die schrumpfende Zahl grummelnder Konservativer an Zuneigung entzieht, wächst ihr von Leuten zu, die wohl nie CDU wählen würden. Dass jetzt sie der in ernste Schwierigkeiten geratenen Merkel jenen Popularitätsschub verleihen soll, den die schwarz-gelbe Kanzlerin aus eigener Kraft gerade nicht leisten kann, gehört zu den kleinen Ironien dieser mutmaßlichen Kandidatur.

Denn eine Präsidentin, die ihr Standpauken hält, müsste Merkel eher nicht befürchten. Richtig gut reden kann von der Leyen sowieso nicht. Aber wer ihren unbedingten Ehrgeiz kennt und auch die Härte gegen sich selbst, die in dieser kleinen Person steckt, der ahnt: Das lernt sie dann nötigenfalls auch noch. Schließlich reitet von der Leyen, wenn sie zwischendurch mal Zeit hat, halb professionell Dressur. Das ist eine Sportart, die Disziplin verlangt – und Üben, Üben, Üben.

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