Politik : Köhler: Politik für Familien hinkt hinterher

Bundespräsident mahnt zeitgemäße Strukturen an

Hans Monath

Berlin - Bundespräsident Horst Köhler hat eine grundlegende Modernisierung politischer und gesellschaftlicher Angebote für Familien angemahnt. „Unsere Steuer-, Sozial- und Bildungspolitik und unsere Infrastruktur hinken den Veränderungen der Familie hinterher, weil sie an überholten Familienbildern ausgerichtet sind“, sagte Köhler am Mittwoch auf einem Forum zum demografischen Wandel. Nach Ansicht des Staatsoberhauptes brauchen Familien „zeitgemäße Strukturen“ sowie „eine Gesellschaft, die ihnen Zeit lässt und Raum gibt“.

Köhler hob die Bedeutung der Familie hervor, von der „unser aller gesellschaftliche Zukunft“ abhänge. Familien verrichteten „eine beeindruckende Menge an gesellschaftlich notwendiger unbezahlter Arbeit“. Auch wirtschaftlich sei ihr Beitrag beeindruckend. „Würden wir die Gesamtwertschöpfung der Haushaltsproduktion in Marktpreisen berechnen, so kämen wir auf eine Summe, die in etwa der Wertschöpfung der deutschen Industrie und der Bereiche Handel, Gastgewerbe und Verkehr entspricht“, sagte der studierte Ökonom.

Im Hinblick auf die Überalterung der Gesellschaft würdigte der Präsident Anstrengungen der großen Koalition, nämlich die Anhebung der Altersgrenze bei der Rente, die Einführung des Elterngeldes und die Förderung von Mehrgenerationenhäusern.

Als Grund für die Entscheidung vieler Frauen gegen Kinder nannte Köhler die harten Bedingungen „in unserer zunehmend vernetzten Arbeitswelt“. Die Verpflichtung zu permanenter Verfügbarkeit und Mobilität sowie immer längere und flexiblere Arbeitszeiten habe dazu geführt, dass die „verlässliche Zeit“ für Partnerschaft und Familie geschwunden sei.

Das Staatsoberhaupt forderte auf dem von ihm gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung ins Leben gerufenen Forum, fast alle Politikbereiche müssten künftig auf die Bedürfnisse von Familien Rücksicht nehmen. Alle politischen wie gesellschaftlichen Ebenen seien gefordert, familiengerechte Strukturen zu schaffen. Nur dann bekämen künftige Generationen die Chance zur Gestaltung ihrer eigenen Lebensvorstellungen. Ausdrücklich warnte Köhler vor Versuchen, den Status quo zu bewahren.

Nach Ansicht des Soziologen Franz-Xaver Kaufmann leidet Deutschland an einem „doppelten Nachwuchsproblem“, das sowohl quantitativ als auch qualitativ ausgeprägt sei. „Deutschland bietet auch dem einmal geborenen Nachwuchs ungleiche Chancen“, sagte der Wissenschaftler auf dem Forum und wies auf die schlechte Qualifikation vieler Migrantenkinder hin. Die Familien- und Bildungsökonomin Katharina Spieß forderte Anstrengungen zur Entzerrung der „Rushhour“, in der junge Familien mit den Aufgaben des Berufseinstiegs und des Kinderkriegens häufig überfordert seien.

Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf sprach sich für eine Neustrukturierung der rund 145 Familienleistungen in Deutschland aus. Diese wird gegenwärtig vom Familienministerium geprüft. Biedenkopf warnte, dass man dabei „immer Besitzstände überwinden muss“. Es sei aber notwendig, Gegenwartsverzichte durchzusetzen, um Zukunftsgewinn zu erreichen.

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