Köhlers Leipzig-Rede : Fakten und Gerüchte

Keine Leichensäcke, keine Panzer? Hat der Bundespräsident am Freitag in Leipzig beim Festakt zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution von 1989 Unsinn geredet? Köhlers Rede und die historische Realität.

Albert Funk
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Foto: dpa

Berlin - Keine Panzer vor der Stadt? Kein Blutplasma in der Stadthalle und auch keine Leichensäcke? Hat der Bundespräsident am Freitag in Leipzig beim Festakt zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution von 1989 etwa Unsinn geredet? Wer am Samstag früh die Onlinenachrichten las, der musste das glauben. Ein Redakteur des Mitteldeutschen Rundfunks hatte einer Kollegin der Deutschen Presse-Agentur mitgeteilt, eine Passage der Rede von Horst Köhler sei nicht korrekt gewesen, eben jene mit den Panzern und Leichensäcken. Der Präsident habe seine Angaben wohl aus einem bekannten Buch mit unkorrekten Fakten. So wurde eine Meldung daraus: „Präsident soll falsche historische Fakten vorgetragen haben“. Sein Sprecher beeilte sich, Reue zu zeigen: „Sollte sich herausstellen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist, so würden wir das sehr bedauern“, sagte Martin Kothé und kündigte eine Überprüfung an.

Nun ja, ein bisschen lag Köhler wohl in der Tat daneben. „Vor der Stadt standen Panzer“, sagte er – in Wirklichkeit standen sie in der Stadt. Das Dienstprotokoll der Leipziger Bereitschaftspolizei verzeichnete für den 9./10. Oktober jedenfalls die Handlungsbereitschaft der Schützenpanzer „mit Munition“, wie Martin Jankowski in seiner Darstellung des 9. Oktober vermerkt hat. Mehrere Panzer standen am Nachmittag vor der erwarteten Demonstration in der Innenstadt bereit. Dass Panzer (man dachte damals wohl an die NVA oder gar die russischen Truppen) vor Leipzig standen, ging als Gerücht um. Viele glaubten es. Immerhin gab es Warnungen in Betrieben und Schulen, dass es an dem Tag zu etwas „Schlimmem“ kommen könnte. In der Stadt ging die Angst vor der „chinesischen Lösung“ um. Schließlich hatte Egon Krenz wenige Monate zuvor den Einsatz von Gewalt gegen Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking unterstützt.

Auch darüber, dass in einem Krankenhaus eine Station geräumt worden sei, und über zusätzliche Blutkonserven wurde in der Stadt an jenem Montag vor 20 Jahren geredet. Dieses Gerücht hatte durchaus eine Ursache: Am Morgen hatte der Leiter der Universitätsklinik angeordnet, sich auf die „Niederschlagung der Konterrevolution“ vorzubereiten. Vorsichtshalber wurde mit Schlag- und auch mit Schussverletzungen gerechnet. Es ging ja das Gerücht um, die Polizei habe Schießbefehl. Die Polizeioffiziere jedenfalls wurden für den Einsatz mit scharfer Munition ausgerüstet, die Wachposten in der Vopo-Bezirksdirektion bekamen Maschinenpistolen.

Köhlers Redenschreiber mag in der Tat Gerüchte für Fakten genommen haben, aber in einer Situation wie der am 9. Oktober waren Gerüchte Fakten. Viele Leipziger glaubten eben, Panzer stünden vor der Stadt bereit. Und dass Leichensäcke bestellt waren. Sie trauten den SED- Oberen vieles zu, auch den Einsatz von Waffen. Drei Tage vor der Demonstration hatte ein Kampfgruppenkommandeur in der „Leipziger Volkszeitung“ darüber räsoniert, dass die „konterrevolutionären Aktionen“ unterbunden werden müssten – „wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand“.

Christian Führer, einer der Initiatoren der Montagsdemonstrationen, sieht Köhlers Rede sehr gelassen. Sie sei „großartig“ gewesen, die meisten Details könne er bestätigen. Und Leichensäcke hätten bestimmt irgendwo gelegen. „Die Lage war ja so, dass geschossen werden sollte“, sagte Führer. Als mögliche Quelle der präsidialen Irrtümer outete sich am Samstag der Dresdner Historiker Michael Richter. Er habe sich in seiner Studie zur friedlichen Revolution auf einige ungenaue Zeitzeugenaussagen verlassen. Das habe Köhler möglicherweise aufgegriffen. (mit dpa)

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