Köhlers Rede im Wortlaut : "Was wir den Toten schuldig sind"

Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler zur Einweihung des Ehrenmals der Bundeswehr am 8. September 2009 in Berlin.

Die Nachrichten und Bilder aus Afghanistan bedrängen uns. Wir sehen, welche Tragödien dieser Konflikt mit sich bringt. Wir trauern um jeden Menschen, der in Afghanistan unschuldig zu Tode kommt. Wir machen uns bewusst, wie viel Verantwortung es bedeutet, mit welchen Gefahren der Einsatz der Bundeswehr für die Soldaten verbunden ist. Am 23. Juni dieses Jahres wurden deutsche Soldaten bei Kunduz von Aufständischen angegriffen. Drei Bundeswehrsoldaten, junge Männer zwischen 21 und 23 Jahren, sind bei dem Gefecht gefallen. Sie waren Söhne, Brüder, Enkel, Freunde, Partner und Kameraden. Sie fehlen. Genauso wie 78 weitere Bundeswehrangehörige, die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind; genauso wie über 3.100 Männer und Frauen, Soldaten und Zivilbeschäftigte, die seit Gründung der Bundeswehr im Dienst für unser Land ihr Leben verloren haben - im Kampf, bei Anschlägen, durch Unfälle, bei Übungen und Flugzeugabstürzen.

Wir weihen heute das Ehrenmal der Bundeswehr ein. Es erinnert uns an jede und jeden von ihnen.

Unsere Gesellschaft tut sich schwer mit dem Gedanken an den Tod. Sie tut sich auch schwer mit Begriffen wie "Dienen" und "Hingabe". Sie tut sich schwer mit der Vorstellung, Opfer zu bringen oder anderen für ihr Opfer zu danken. Darum mutet dieses Denkmal uns etwas zu. Es mutet uns zu, über den Tod nachzudenken und darüber, welchen Preis wir zu zahlen bereit sind für ein Leben in Freiheit und Sicherheit. Es mutet uns zu, ehrlich zu sein. Es mutet den politisch Verantwortlichen zu, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass ihre Entscheidungen Menschenleben kosten können. Und es mutet uns allen die Einsicht zu, dass der "Staatsbürger in Uniform" kein abstraktes Konzept ist, sondern dass unsere Soldatinnen und Soldaten unsere eigenen Söhne, Töchter, Partner und Freunde sind.

Sie stehen mit Leib und Leben für unser aller Sicherheit und für unsere Werte ein. Dafür haben sie unseren Dank und unsere Solidarität verdient. Und alle, die in diesem Dienst ums Leben gekommen sind, haben es verdient, dass wir ihnen ein ehrendes Gedenken bewahren; dass wir uns erinnern, wer sie waren und wofür sie gestorben sind. Wir sind uns bewusst, dass der Soldatentod in der Vergangenheit oft propagandistisch missbraucht und überhöht wurde - gerade in Deutschland. Das Ehrenmal der Bundeswehr jedoch treibt keine falsche Heldenverehrung, es dient keinem Opferkult und es verherrlicht keinen Krieg. An diesem Ort wird nichts verklärt. Es ist ein Ort der Trauer, und es ist ein entschiedener Appell dazu, nichts zu verschweigen oder schönzureden, was mit dem Dienst und mit dem Opfer der Frauen und Männer zu tun hat, an die hier erinnert wird.

Das sind wir den Toten schuldig und auch ihren Angehörigen. Angehörigen, die oft nur schwer fassen können, was geschehen ist; Angehörigen, die mit Gott, dem Schicksal, mit der Politik hadern und die auf ihre Fragen keine Antwort finden. Dieses Ehrenmal deckt die Fragen, die Verzweiflung und die Sprachlosigkeit nicht zu. Ich bin bewegt und dankbar, dass einige Hinterbliebene heute unter uns sind. Ich verneige mich vor Ihnen.

In freiheitlichen Demokratien wie der unseren kommt es auf jede und jeden Einzelnen an. Jede und jeder ist und bleibt unersetzlich. Das Ehrenmal nennt die Namen aller, die im Dienst ihr Leben verloren haben. Es ist eine lange Reihe von Namen. Wir alle wünschen uns, dass diese Liste nicht länger wird. Wir wünschen uns eine Welt ohne Kriege und Waffen, eine Welt, die ohne Gedenkstätten für getötete Soldaten auskommt. Aber es gibt Risiken und Bedrohungen, auf die wir reagieren und vor denen wir unser Land schützen müssen. Es gibt humanitäre Katastrophen, die unser Eingreifen verlangen - um der Menschlichkeit und unserer eigenen Glaubwürdigkeit willen. Wir können uns die Welt nicht aussuchen, in der wir leben. Aber wir können versuchen, sie besser und sicherer zu machen. Unsere Freiheit und Sicherheit verlangen Einsatz - von uns genauso wie von den vielen Nationen, die unsere Werte teilen. Das ist der Grund, warum es in unserem Land eine Armee gibt. Das ist der Grund, warum wir Soldaten, Polizisten und zivile Aufbauhelfer in gefahrvolle Auslandseinsätze schicken. Und es ist ein Grund, warum junge Menschen bereit sind, unserem Land als Soldatinnen und Soldaten zu dienen.

Die Bundeswehrangehörigen nehmen eine Pflicht auf sich, die unserem ganzen Volke dient. Dessen Recht und Freiheit tapfer zu verteidigen, wie alle Angehörigen der Bundeswehr versprechen, das klingt zunächst abstrakt. Aber gerade im zwanzigsten Jahr der Friedlichen Revolution in der DDR sollten wir uns vor Augen halten, wie schon in den Zeiten des Kalten Krieges Wachsamkeit der Preis der Freiheit war. Wir sollten uns vor Augen halten, dass auch die friedfertige Verteidigungsbereitschaft unseres Landes und seiner Verbündeten dazu beigetragen hat, den Eisernen Vorhang zu überwinden. Auch nach seinem Fall sind Armut, Ungerechtigkeit und Not nicht aus der Welt verschwunden. Es gibt neue, weltweite Gefahren für unser Recht und unsere Freiheit. Der internationale Terrorismus bedroht unser friedliches Zusammenleben mit mörderischem Hass; viele bewaffnete Konflikte senden Flüchtlinge und Unsicherheit bis zu uns. Wir Deutsche haben aus unserer Geschichte auch die Lehre gezogen, dass die Menschenrechte uns zum Handeln verpflichten. Darum ist beides wichtig: unsere Bereitschaft, völkerrechtliche Mandate für Militäreinsätze mitzuprägen, und unsere Bereitschaft, solche Einsätze dann auch mit Soldaten zu unterstützen, soweit uns das möglich ist.

Das alles hat in den vergangenen Jahren den Auftrag und den Alltag der Bundeswehr tiefgreifend verändert. Unsere Bundeswehr ist zu einer Armee im Einsatz geworden, zu einer Armee im Kampf. Wie gefährlich diese Aufgabe ist, wie schwer die Entscheidungen sind, die das dem Einzelnen abverlangt, das zeigen die jüngsten Nachrichten aus Afghanistan. Und so sehr wir erwarten, dass die Ereignisse der vergangenen Woche aufgeklärt werden, so sehr wenden wir uns auch gegen Vorverurteilungen. Unsere Soldatinnen und Soldaten, die im Einsatz ihr Leben verloren, sind nicht als Eroberer oder Besatzer gestorben, sondern um Hilfe, Schutz und Wiederaufbau zu ermöglichen. Ihre Kameradinnen und Kameraden zweifeln nicht an der Zielsetzung ihres Auftrags. Aber sie zweifeln manchmal daran, ob ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Heimat die Bedeutung dieses Auftrags und den Wert des persönlichen Einsatzes unserer Soldatinnen und Soldaten kennen und anerkennen. Das Ehrenmal gibt keine Antwort auf diese Frage. Die Antwort sollten wir alle geben, indem wir uns den Angehörigen der Bundeswehr und ihren Familien zuwenden, indem wir Anteil nehmen an ihren Leistungen, an ihren Sorgen und an dem, was sie aufbringen, um uns und unser Land zu schützen.

Das schließt eine kritische Sicht auf die Einsätze der Bundeswehr ein. Helmut Schmidt hat den Soldatinnen und Soldaten voller Zuversicht versprochen: "Ihr werdet nicht missbraucht!" Wir können darauf vertrauen, dass der Deutsche Bundestag darüber wacht. Und je mehr Anteil die Öffentlichkeit daran nimmt, welchen Einsätzen der Bundeswehr das Parlament zustimmt, wie sie dafür ausgerüstet ist und welche Ziele und Fristen ihr dabei gesetzt sind, desto besser. Ich wünsche mir darüber eine öffentliche Debatte, die aber zugleich geprägt ist von Anteilnahme und Respekt, von Sorge und Anerkennung für die Bundeswehr und ihren Dienst. Dieser Verantwortung dürfen wir uns nicht entziehen.

Das Ehrenmal erinnert uns daran. Es erinnert uns daran, dass unsere Bundeswehr unverrückbarer Teil der guten demokratischen Entwicklung unseres Landes ist und dass unsere Soldatinnen und Soldaten Menschen aus unserer Mitte sind, die für uns alle einstehen.

Für Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, wünsche ich mir, dass dies ein Ort der Erinnerung an gute Kameraden wird, ein Ort, an dem der Sinn und der Ernst Ihres Dienstes zum Ausdruck kommt, und ein Ort, an dem deutlich wird: Die Menschen in Deutschland stehen zu ihrer Bundeswehr.

Herr Minister Jung, ich danke Ihnen dafür, dass Sie die Initiative zur Errichtung dieses Ehrenmales ergriffen haben.

Das Ehrenmal der Bundeswehr ist eine Stätte der Trauer und des Gedenkens.

Es ist eine Stätte des Dankes und der Erinnerung an diejenigen, die im Dienst für unser Land ihr Leben gegeben haben.

Es steht für die Werte, auf die unser Land und die Bundeswehr gegründet sind.

Es ist ein Zeichen der Anerkennung für den Dienst unserer Soldatinnen und Soldaten.

Es ist ein Ort, an dem sich hoffentlich die Bürgerinnen und Bürger begegnen - in Uniform und in Zivil.

Es ist gut, dass wir diesen Ort jetzt haben.

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