Körpersprache : Wie Westerwelle wirkt

Der Coach, Körperpsychotherapeut und Publizist Ulrich Sollmann über den Empörungspolitiker Guido Westerwelle und die Wirksamkeit seiner politischen Körpersprache.

Ulrich Sollmann
Westerwelle
Guido Westerwelle -Foto: dpa

Er tritt selbstbewusst ans Mikrophon, steht aufrecht, man könnte fast sagen, starr. Er scheint nicht atmen zu müssen. Scheint immer über die genügende Energie zu verfügen. Den Kopf leicht, aber fest, in den Nacken gezogen, wandert sein Blick streng übers Publikum. Und - als ob er nur eine Pause gemacht hätte - herrscht er sein Gegenüber an. Wieder an. Jüngst noch als dauerhafter Oppositionspolitiker, jetzt als Außenminister. Jetzt als oberster Diplomat Deutschlands.

Es sind nicht seine Worte, die beschwörenden Wiederholungen, die beeindrucken sollen. Es ist seine Stimme. Es ist das metallisch-scheppernde Empörungsmantra, das so überzeugt. Guido Westerwelle kann und will so überzeugen. Es müsste endlich ja mal gesagt werden, was die Menschen denken! Westerwelle scheint Tabus aufdecken zu wollen. Schafft aber stattdessen körpersprachlich-rhetorisch neue emotionale Wahrheiten. Nicht durch seine Worte, denn diese spiegeln entweder das, was sowieso schon im Koalitionsvertrag steht, also gar nicht neu und erwähnenswert wäre. Eine rhetorische Vorliebe ist stattdessen das Mittel der permanenten, wortidentischen Wiederholung. Und er ist ein Meister des rhetorischen Abspulens.

Seine rhetorische Königsdisziplin ist und bleibt aber seine scheppernde, fast schreiende, stets zu hohe Stimme. Eine Stimme, die oft gleich von Anfang an Ausdruck einer tiefen Empörung ist. Ausdruck seiner Empörung. Auch wenn er sich gar nicht empören müsste. Wer erinnert sich nicht noch an seine selbstbewusste Haltung als Außenminister Journalisten gegenüber, er wolle in Deutsch antworten. Man sei ja auf einer Pressekonferenz in Deutschland. In England würde man auch schließlich Englisch reden. Besagte Journalisten bestätigten Wochen später, dass die englischen Medien nicht Westerwelles Haltung beklagten, sondern seine empörte Reaktion. Ähnliches geschah im Streit um Frau Steinbach und jüngst in der Hartz-IV-Debatte.

Westerwelle ist ein hervorragender Rhetoriker. Stimmig in Wort, Mimik und Körpersprache. Dabei spielt er deutlich die Klaviatur der perfekten Selbstkontrolle. Eine Selbstkontrolle, die ihn scheinbar nie aus der Rolle fallen lässt. Eine Selbstkontrolle, die ihn authentisch macht. So beängstigend authentisch. "Man kann mir ansehen, wie's mir geht" sagt er überzeugend und zeigt sein Bühnengesicht. Er ist eben ein gewiefter Taktiker, der auch schon mal lächelt, wenn es nichts zu lächeln gibt.


Ulrich Sollmann erklärt die Mimik von Guido Westerwelle.

Sein Erfolgsgeheimnis scheint zu sein: Immer unter Druck stehen und nicht  explodieren. Gewiss, Westerwelles Mimik zeigt chronisch angespannte Kiefernmuskeln. Sein Kinn ist beim Reden aggressiv nach vorne geschoben, vorne festgehalten. Und er kann sich nur mühsam bremsen. All dies ist richtig emotionale Arbeit für Westerwelle. Eine Anstrengung, die ihm die notwendige Entspannung raubt, die er aber als innere Balance dringend benötigt.

Westerwelle hat sich in die Rolle des Empörungspolitikers festgefressen. Anders als bei Joschka Fischer, Angela Merkel und Gerhard Schröder hat das neue politische Amt die Menschen gewandelt, befreit für eine neue Form der Macht.

Westerwelle hingegen wünscht man eine solche erlösende Befreiung. Will man doch auch mal den Menschen in seinem politischen Anzug sehen, der ganz unbeschwert mit dem eigenen Hund auf der Wiese rumtollt.

Oder aber den besonnenen Außenpolitiker, den rhetorisch souveränen Machtpolitiker, an der Seite einer eher führungsschwachen Kanzlerin.

Westerwelle hat was zu sagen. Seine Argumente bezüglich Hartz IV werden von vielen Menschen geteilt. Nicht aber der Ton seiner Empörung. Menschen, die ihn gewählt haben, scheinen ihm daher jetzt keinen Respekt mehr in seinem neuen Amt geben zu wollen. Seine Umfragewerte sinken rapide und man beginnt schon an seiner Kompetenz als Außenministers zu zweifeln.

Und das ist die Tragik seiner Empörerrolle: Er schafft sich die Gründe für seine Empörung selbst.

Wann beginnt Westerwelle, sich endlich auch einmal über sich selbst zu empören?

Zur Person

Ulrich Sollmann arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft, Politik und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung der Spitzenkandidaten bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien.

www.sollmann-online.de

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben