Politik : Kofferbomber auf der Anklagebank

Libanesen droht lebenslange Haft

Frank Jansen

Berlin - Der Schrecken war gewaltig. Die Sprengsätze in den Trolleys sollten in zwei Regionalzügen Feuerbälle auslösen und möglichst viele Passagiere töten. Beinahe wäre der Doppelanschlag gelungen, nur ein technischer Fehler verhinderte die Zündung. Das Szenario hat die Sicherheitsbehörden hart getroffen: Am 31. Juli 2006 waren sie erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik nicht in der Lage, einen Angriff islamistischer Terroristen auf Ziele im Inland zu verhindern. Die Täter scheiterten nur an sich selbst, die hoch gerüsteten und nach dem 11. September 2001 stärker vernetzten Polizeibehörden und Nachrichtendienste konnten gegen die zwei Studenten aus dem Libanon nichts ausrichten. Am Dienstag beginnt am Oberlandesgericht Düsseldorf der Prozess gegen einen der beiden Kofferbomber, den 23 Jahre alten Youssef Mohamad al Hajdib.

Generalbundesanwältin Monika Harms hat den Libanesen angeklagt, er habe versucht, zahllose Menschen „aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln zu töten“ – in Tateinheit „mit versuchtem Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion“. Für die Ermittler steht fest: Hajdib und sein in Beirut vor Gericht stehender Komplize Dschihad Hamad wollten, im Geiste von Osama bin Laden, Rache üben für die Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in dänischen und später auch deutschen Zeitungen. Pläne, die Fußball-WM anzugreifen oder die Hohenzollernbrücke in Köln zu sprengen, wurden jedoch verworfen, da sie die Fähigkeiten der beiden Libanesen überstiegen. Deshalb orientierten sie sich an den verheerenden Anschlägen auf Vorortzüge in Madrid und die U-Bahn in London. Nach den Explosionen in den Regionalzügen Aachen – Dortmund und Mönchengladbach – Koblenz, so sehen es die Ermittler, wollten Hajdib und Hamad in den Irak fliehen.

Wäre Hajdibs Komplize Dschihad Hamad in Deutschland inhaftiert, würde die Anklage gegen ihn genauso lauten. Doch Hamad stellte sich im Libanon, der Prozess gegen ihn läuft seit April und könnte am Dienstag mit einem Urteil enden. Zu erwarten ist lebenslange Haft. Ob das Verfahren stets rechtsstaatlichen Normen genügte, ist fraglich. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht wird womöglich nur bedingt die Erkenntnisse nutzen können.

Vielleicht aber ist der Strafsenat gar nicht so sehr auf Hamads Geständnis angewiesen. In Sicherheitskreisen wird spekuliert, Hajdib könnte im Prozess aussagen, obwohl er bislang nur ein paar Angaben zur Person gemacht hat. Aber die Verteidiger werden vermutlich argumentieren, die Kofferbomben hätten gar nicht explodieren sollen, der technische Fehler sei geplant gewesen. Um diese Theorie zu untermauern, müsste Hajdib sich zu technischen Details äußern – und ein Motiv präsentieren. Der 6. Strafsenat unter Vorsitz des erfahrenen Richters Ottmar Breidling hat für die ersten beiden Verhandlungstage keine Zeugen geladen. Hajdib hat viel Zeit, sich zu äußern. Frank Jansen

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