Politik : Kohl kandidiert - Opposition wittert Chancen

Kanzler sieht sich 1998 in die Pflicht genommen / Parteiübergreifende Zustimmung aus gegensätzlichen Gründen BAD HOFGASTEIN/BONN (AFP/dpa).Bundeskanzler Kohl (CDU) will im kommenden Jahr noch einmal als Kanzlerkandidat antreten."Ganz klar ja", sagte er am Donnerstag in einem ARD-Interview."Ich trete an, weil ich glaube, daß ich eine Verpflichtung habe, das in der jetzigen Situation zu tun." Er wollte sich in dem Gespräch an seinem 67.Geburtstag in seinem Urlaubsort Bad Hofgastein aber nicht festlegen, ob er eine ganze Legislaturperiode im Amt bleiben würde.Koalition und Opposition begrüßten seine Entscheidung, wenn auch aus gegensätzlichen Gründen: Union und FDP fühlen sich gestärkt, SPD, Grüne und PDS sehen ihre Chancen bei der Bundestagswahl verbessert. -Der als Kronprinz gehandelte Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Schäuble, begrüßte den Entschluß Helmut Kohls als "gute Entscheidung für Deutschland".Das Land brauche gerade jetzt "einen Kanzler mit großer Durchsetzungskraft und Autorität". Der Bundeskanzler begründete seine Entscheidung zur erneuten Kandidatur mit dem Hinweis, Deutschland stehe vor großen innen- und außenpolitischen Herausforderungen.Kohl nannte die geplante NATO-Osterweiterung, die europäische Währungsunion sowie die Steuer- und Rentenreform in Deutschland.Er wolle diese Reformen durchsetzen.Bei seinem Entschluß handele sich nicht um eine "einzelne Entscheidung auf dem Olymp"; er habe sich den Schritt genau überlegt und mit der Familie besprochen. Eine Kabinettsumbildung ist nach den Worten Kohls für die nächste Zeit nicht vorgesehen.Er wolle "vorerst sicherlich" mit der bestehenden Mannschaft weiterarbeiten, sagte Kohl dazu.Er sehe keinen Grund, einen CDU-Minister auszuwechseln.Auch der Partner FDP lasse nicht erkennen, daß er Umbildungen plane.Es gebe zwarr Unterschiede in Sachfragen, das Regierungsbündnis aus Union und Freien Demokraten habe aber "kein Koalitionsproblem". Kohl, der seit vierzehneinhalb Jahren Bundeskanzler ist, hatte vor der letzten Bundestagswahl 1994 zunächst angekündigt, dies werde seine letzte Legislaturperiode sein, hatte sich aber später darauf nicht mehr festlegen wollen.In den vergangenen Monaten war er von Parteifreunden immer stärker gedrängt worden, 1998 erneut ins Rennen zu gehen. Der am 3.April 1930 geborene Kohl war am 1.Oktober 1982 nach dem Scheitern der sozialliberalen Koalition als erster Regierungschef durch ein konstruktives Mißtrauensvotum zum Bundeskanzler gewählt worden.Am 12.Juni 1973 wählte ihn ein Parteitag erstmals zum CDU-Parteichef.Am 30.Oktober 1996 war Kohl einen Tag länger im Amt als der erste Nachkriegskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer.

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