Politik : "Kohl sucht den Zweikampf" - Hans Leyendecker über CDU-Spenden und die Angst der SPD

Wie schon beim Flick-Skandal gehören Sie auch

Wie schon beim Flick-Skandal gehören Sie auch jetzt bei der CDU-Parteispenden-Affäre zu den Haupt-Aufdeckern. Wie kommt ein Journalist in diese Rolle?

Meine Aufgabe verstehe ich als recherchierender Journalist, nicht als kluger Leitartikler oder Feature-Autor. Die Parteispenden-Affäre und die Flick-Affäre haben mich über acht Jahre meines Lebens begleitet. Eigentlich dachte ich, dass das vorbei sei. Nun bin ich überrascht über das déjà-vu-Erlebnis.

Wie kommt so eine Recherche ins Rollen: Rufen Sie an oder werden Sie angerufen?

Man bekommt mit, dass es Unruhe gibt. Dann spricht man mit den Leuten, was da eigentlich passiert ist, und plötzlich ... Wir haben das Schreiber-Verfahren um die Waffengeschäfte intensiv begleitet. Ich wusste immer, dass die Weyrauch und Kapp GmbH ein spezielles Spenden-Verwendungs-System für Helmut Kohl hat. Jetzt wurde deutlich, es gibt ein weit verzweigtes System von Treuhand-Anderkonten. Da sind wir durch Recherchen hineingekommen.

Was für Recherchen?

Quellen nennt man nicht.

Rein theoretisch: Sind Menschen, die selbst in die Schusslinie kommen und keine andere Möglichkeit zur Verteidigung haben, als Fakten aufzudecken, potenzielle Quellen?

Über Quellen redet man nicht. Gar nicht.

Sie berichten über das Kürzel "PV" für Parteivorsitzender, was nahelegt, dass Helmut Kohl die Unterlagen gesehen und abgezeichnet hat. Haben Sie dieses "PV" selbst gesehen? Oder hören Sie das nur, vertrauen aber Ihrer Quelle?

Ich muss sicher sein, dass es dieses Kürzel dort gibt und dass es von Lüthje (der damalige Generalbevollmächtigte der CDU-Schatzmeisterei) notiert wurde - und dass es dies meinte. Bei der SPD bedeutet "PV" Parteivorstand, bei der CDU Parteivorsitzender.

Wie nah rückt die Affäre an Helmut Kohl persönlich heran?

Strafrechtlich bedeutet das gar nichts, politisch-moralisch dagegen eine ganze Menge. Man muss sich erinnern, was der Parteispendenskandal bedeutete: Gelder am Fiskus vorbeigeschleust, staatstragende Parteien haben sich um eine Amnestie bemüht, um da herauszukommen, und haben geschworen, dass es künftig sauber und anständig zugeht. Und nun haben wir doch wieder so ein Mischsystem, in dem man die Herkunft von Geldern nicht erkennen kann. Das ist ein dolles Ding. Ich lese mal vor, was Eberhard von Brauchitsch in seinen Memoiren "Der Preis des Schweigens" über Helmut Kohl schreibt: "Er hat mich gelegentlich angerufen, nur gesagt: Juliane kommt. Frau Weber (Kohls Büroleiterin) erklärte mir dann, dass in diesem oder jenem Landesverband dieser oder jener Vertrauensmann Kohls unterstützt werden müsse. Frau Weber wartete zehn Minuten, während ich bei Diehl" - das war der Buchhalter - "das Geld anforderte."

Wie sehen Sie Kohls Auftritt im Bundestag: gute Verteidigung oder Unbeherrschtheit?

Ich kenne Kohl noch aus dem Mainzer Parteispenden-Untersuchungsausschuss. Damals hat er eine Falschaussage gemacht, die später mit dem Blackout erklärt wurde. Einer der schwierigsten Momente seiner Karrieren, ihm drohte eine Anklage. Auch da war er zeitweise so wild entschlossen. Er ist ein Mann, der den Zweikampf sucht und meint, dass man wie die Ringer in Schifferstadt nur den anderen in den Schwitzkasten nehmen muss. Den Auftritt im Bundestag habe ich so verstanden, dass Kohl sagt: Ich habe doch von dieser Million nichts gewusst. Und diese Million hat auch keinen Einfluss genommen auf die Entscheidung des Bundessicherheitsrats über das Waffengeschäft. Da liegt aus seiner Sicht die Verleumdung. Ich glaube, er hat Recht. Er wird nicht die Details gewusst haben: Woher kommt das Geld. Und er wird auch nicht glauben, dass es die Entscheidung beeinflusst hat. Was er aber nicht sieht, ist, dass schon im Vorfeld mit Geld bestimmte Hindernisse weggeräumt wurden. Er hat da eine Schießscharten-Mentalität, einen ganz engen Blick.

Die Regierungsparteien zeigen relativ wenig Schadenfreude. Müssen auch sie Enthüllungen befürchten?

Es fällt auf, dass die SPD zweitweise wie paralysiert war. Sie hat Angst, dass auch Sozialdemokraten von Leuten wie Schreiber ausstaffiert wurden.

Welcher Skandal ist größer: Flick damals oder der jetzt?

Flick war viel größer, vom Umfang her. Aber politisch haben wir eine neue Situation, weil man geschworen hatte, dass es nicht wieder passiert. Dadurch, dass es eine Wiederholungstat ist, bekommt die neue Geschichte ihre Bedeutung.

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